Eine neue Publikation zum 100. Todestag des „Vaters der SBB“, Josef Zemp
(Bern, 25.11.2008). Am 8. Dezember 1908, wenige Monate nach seinem Rücktritt, starb der Luzerner Bundesrat Josef Zemp. Als erster katholisch-konservativer Bundesrat und als «Vater der SBB» nimmt der profilierte Staatsmann aus dem Entlebuch einen bedeutenden Platz in der Geschichte des schweizerischen Bundesstaates ein. Auf Anregung eines Komitees unter dem Vorsitz des Luzerner Bildungs- und Kulturdirektors Anton Schwingruber ist zum 100. Todestag von Josef Zemp ein reich bebildertes Lese-Buch erschienen. Es schildert das Leben und Wirken Josef Zemp und stellt darüber hinaus zahlreiche Bezüge zur Gegenwart her.
«Vater der SBB» «Es war kein Zufall, dass ausgerechnet der erste katholisch-konservative Bundesrat der Schweiz zum Vater der SBB wurde», erklärt der Verkehrshistoriker Christoph Maria Merki in seinem Beitrag zu Josef Zemps Rolle beim Rückkauf der privaten Eisenbahnen. Mit seiner Wahl in den Bundesrat habe man nicht nur die Verlierer des Sonderbundes mit dem Bundesstaat versöhnt, sondern auch einen versierten Eisenbahnfachmann an die Spitze des Post- und Eisenbahndepartements geholt. Allerdings hatte sich Josef Zemp bis 1891 gegen die Verstaatlichung der Privatbahnen gesträubt. Als Mitglied der Landesregierung vollzog er einen Gesinnungswandel und vertrat danach mit grosser Energie den Mehrheitsstandpunkt des Bundesrats. 1898 kämpfte er an vorderster Front für das Rückkaufsgesetz – das Schweizervolk folgte beim entscheidenden Urnengang mit nahezu 70 Prozent Ja-Stimmen seiner Linie. Damit waren die Schweizerischen Bundesbahnen SBB geschaffen.
Weitere Zukäufe von Privatbahnen In den folgenden Jahren führte Bundesrat Josef Zemp die Verstaatlichung der Eisenbahn in mühsamer Kleinarbeit fort. Als Erste gingen 1902 die Centralbahn, die Nordostbahn und die Vereinigten Schweizerbahnen – alles Privatbahnen - in Staatsbesitz über. 1903 folgte die Jura-Simplon-Bahn. Besonders komplex gestaltete sich aufgrund ihrer Internationalität die Verstaatlichung der Gotthardbahn. Sie erforderte zwei Staatsverträge mit Deutschland und Italien, kostete den Bund die damals gewaltige Summe von 211 Millionen Franken und erfolgte 1909, also kurz nach Bundesrat Zemps Tod. Die Integration der privaten Gotthardbahn in den Betrieb der SBB gelang ohne grössere Probleme. Ende 1909 umfasste das SBB-Netz eine Betriebslänge von 2960 Kilometern (heute 3011), eingeteilt in fünf Kreise, die weitgehend den Territorien der früheren Privatbahngesellschaften entsprachen. Die SBB zählte damals 35 000 Beamte, Angestellte und Arbeiter (heute insgesamt 26'000). Dieses Werk, das bis heute Bestand hat, ist das politische Vermächtnis des Entlebucher Bundesrates Josef Zemp.
Wegbereiter der Konkordanz «Bundesrat Josef Zemp war ein Mann des Ausgleichs und damit ein Wegbereiter der helvetischen Konkordanz.» So fasst einer der besten Kenner der Geschichte des schweizerischen Bundesrats, der Historiker Prof. Urs Altermatt, das Wirken von Bundesrat Zemp zusammen. Im Hauptteil des Buches stellen Fachleute Zemps Werdegang und Schaffen in knappen, chronologisch geordneten Kapiteln dar. Diese werden von Texten über entsprechende aktuelle Themen begleitet, wie etwa über den Parlamentsbetrieb in Bundesbern, über die Rolle der Frau in der Politik, über die Konkordanz, über den Service public, über die Stellung des Kantons Luzern und des Entlebuchs in der modernen Schweiz.
Alois Hartmann, Hans Moos (Hg.): Josef Zemp. Ein Bundesrat schafft den Ausgleich. Sein Leben und Wirken im Dialog mit der Gegenwart. Verlag Druckerei Schüpfheim AG, 2008. 190 Seiten. Preis Fr. 32.50. Das Buch ist auch im Buchhandel erhältlich.
Kasten
Die Frau des Bundesrats Drei Monate nach der Wahl Josef Zemps in den Bundesrat starb seine Frau, Philomena Zemp-Widmer, nach schwerer Krankheit. Sie war während mehr als 30 Jahren mit Josef Zemp verheiratet und hatte mit ihm 15 Kinder. Von aussen betrachtet, stand sie mit ihrer enormen Aufgabe als Frau und Mutter ganz im Schatten ihres berühmten Mannes. Die Luzerner Historikerin Margrit Steinhauser geht im neuen Buch über Josef Zemp auf Spurensuche und skizziert, so weit es die dürftigen Quellen erlauben, ein packendes Porträt von Philomena Zemp. Anknüpfend an ihr persönliches Bild von ihrer Ururgrossmutter macht sich die Zürcher Nationalrätin Barbara Schmid-Federer Gedanken über die Rolle der jungen Frauengenerationen in Politik und Gesellschaft. Den oft beschwerlichen Weg der Schweizerfrauen in die Politik zeichnet, abgestützt auf eigene Erfahrungen, die ehemalige Nationalratspräsidentin Judith Stamm nach.
Das Phänomen Zemp Vom «Phänomen Zemp» spricht der Luzerner Regierungsrat Anton Schwingruber in seinem abschliessenden, sehr persönlich gehaltenen Beitrag zum neuen Zemp-Buch. Dass ein Politiker auch hundert Jahre nach seinem Tod bei vielen Leuten seiner engeren Heimat immer noch als Persönlichkeit geläufig ist, deutet in der Tat auf ein aussergewöhnliches Profil hin. Aktuell sei aber auch, so Anton Schwingruber, der Einsatz des grossen Entlebuchers für den Ausgleich der politischen, regionalen und sozialen Interessen: «Entscheidend scheint mir dabei zu sein, dass der Staat auch in Zukunft als verlässlichster Partner der Bürgerinnen und Bürger gilt und dass er in der Lage ist, seine Verantwortung auch wirklich wahrzunehmen. Das kann er nur, wenn seine Repräsentanten – im Sinne Zemps – gewillt sind, mein Wohl vom Allgemeinwohl zu trennen. Das ist es, was von Josef Zemp, einem glaubwürdigen Mann des Ausgleichs, hoffentlich noch lange bleiben wird.»
Fundiert und anschaulich Insgesamt 22 Autorinnen und Autoren aus der ganzen Schweiz haben Beiträge zu diesem Zemp-Buch verfasst: Urs Altermatt, Franz Birrer, Roman Bussmann, Patrick Feuz, Hilmar Gernet, Christian Ineichen, André Kirchhofer, Walter Küng, Peter Lohri, Christoph Maria Merki, Leonhard Neidhart, Gerhard Pfister, Hanspeter Renggli, Markus Ries, Monika Rosenberg, Paul Rosenkranz, Barbara Schmid-Federer, Andreas Schmidiger, Urs Schwaller, Anton Schwingruber, Judith Stamm und Margrit Steinhauser. Das Buch richtet sich an ein breites Publikum, beruht aber auf fundierten Recherchen und enthält zur Vertiefung ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis. Bemerkenswert ist auch die Bebilderung mit zum Teil erstmals veröffentlichten Bilddokumenten und einem eindrücklichen Entlebucher Bilderbogen des Fotografen Ernst Scagnet.
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