Personensicherheit braucht ein Gesamtkonzept
litra. Auch in unserem Land werden zunehmend Züge besprayt, Polster aufgeschlitzt und Scheiben zerkratzt. In den Nachbarländern wird diese Form von Vandalismus noch durch die Kriminalität aufgestockt. Bisher wurden wir in der Schweiz von Kapitalverbrechen im Umfeld der Bahn noch verschont. Gründliche Kenntnisse, was sich im Ausland in diesem Bereich abspielt, sind nicht nur für die Transportunternehmen zur Früherkennung ein Erfordernis. Informationen darüber sind nicht unwichtig für die Politik, um abzuschätzen, was auf unser Land noch zukommen könnte. Die neuste Publikation der LITRA im Rahmen der «gelben Serie» gibt einen umfassenden Überblick über den aktuellen Stand der Personensicherheit. Welche Dimension das Problem Personensicherheit zum Beispiel in Frankreich angenommen hat, wird am Fall Busfahrer der RATP dargestellt. Im Grossraum Paris wurden im Jahr 2001 698 physische Attacken auf Busfahrer verübt. RATP betreibt neben der Métro und der S-Bahn 4’000 Busse. Das Transportunternehmen hat enorme Probleme in den Vorortsstädten. Busse wurden mit sechs bis acht Videokameras ausgerüstet. Permanent werden 12 bis 25 Videobilder pro Sekunde registriert. Der Busfahrer kann einen Alarmknopf betätigen. Der Standort jedes Fahrzeuges wird auf zehn Meter genau ermittelt. Bei Alarmauslösung verfügt die Sicherheitszentrale auf dem Bildschirm über die Position des Busses im Zentrum einer Karte und um diesen Bus herum über die verfügbaren mobilen Einsatzequipen der RATP. In grossen Agglomerationen sind modernste Sicherheitszentralen kürzlich eingerichtet worden.
RATP demonstriert, welche Innovationsfähigkeit unter Druck entwickelt wird. Die RATP und der Internationale Verband des öffentlichen Verkehrs UITP veranstalteten kürzlich eine Tagung für die Sicherheitsspezialisten über Procédés et outils innovants. An der Übermittlung von Videobildern vom Fahrzeug in die Sicherheitszentrale wird intensiv gearbeitet. Die Lösung scheint zu stehen, die Kostenfrage ist völlig offen. Beängstigende Massstäbe Für Videoüberwachung und Übermittlungsnetz werden in der Île - de - France dreistellige Millionenbeträge vom Staat bereitgestellt. Videoüberwachung vermag verschiedene Effekte auslösen:
- den Präventiveffekt, d.h. potentielle Täter abschrecken
- den Ermittlungseffekt, d.h. durch die Aufzeichnung des Geschehens Hinweise zur Ermittlung des Täters liefern und eine weitere Stufe
- den Sicherheitseffekt , d.h. Übergriffe erkennen und intervenieren.
Die technische Ausgestaltung von Videosicherheitssystemen hängt vom gewünschten Effekt ab. Generell gesagt: Für die Realisierung des Präventiveffekts und des Ermittlungseffekts hält sich der Aufwand in Grenzen. Die Realisierung des Sicherheitseffekts setzt umfangreiche personelle und technische Mittel voraus.
Die Verantwortlichen für den öffentlichen Verkehr des Grossraums Paris setzen beim Einsatz der Sicherheitstechnologie beängstigende Masstäbe. 120 Stationen der SNCF in der Île - de - France werden gegenwärtig für die Videoüberwachung eingerichtet. Insgesamt werden für Bahn und Métro 7’500 Videokameras zu kontrollieren sein.
Videosicherheitssysteme einrichten heisst nicht nur Videokameras aufhängen. Videosicherheitssysteme sind ein organisatorisches Problem. Videoüberwachung im eigentlichen Sinne des Wortes ist nicht mit Monitorenwänden in Überwachungszentralen zu lösen. Voraussetzung ist ein System automatischer Aufschaltung des Videobildes. Zu diesem Zweck werden Notrufsäulen eingerichtet. Auf diese Notrufsäulen sind Videokameras gerichtet. Wird eine Notrufsäule betätigt, schaltet das Bild in der Sicherheitszentrale auf. Der Operateur kann dann weitere Videobilder verzugslos aufschalten und klären, wo das Problem liegt und dann die Intervention auslösen. Permanente Aufzeichnung Die Videokameras in den Bahnhöfen zeichnen permanent auf. Die Datenschutzprobleme der Videoüberwachung sind gelöst. Es geht nicht darum, ob aufgezeichnet wird. Es geht darum, wer Zugang zu den Videoaufzeichnungen hat und wie die restriktive Ordnung sichergestellt ist. Die Polizei nutzt mehr und mehr dieses Instrument : « La police est devenue gourmande des enregistrements vidéo. » erklärt der Verantwortliche der RATP. D.h. konkret, dass die Justiz über bessere Beweismittel zur Strafverfolgung verfügt, was sich schlussendlich auf die Sicherheit auswirken soll im Sinne der Prävention. Die Verantwortlichen der Ïle- de - France für den öffentlichen Verkehr setzen viel auf Telematik. Aber die hochentwickelte Sicherheitstechnologie ersetzt die Personalpräsenz nicht, im Gegenteil. Was nützt es, wenn ein Problem über das Videosystem erkannt wird, aber die Intervention mangels Polizei ausbleibt? Neue Formen der Personalpräsenz Trotz der gegenwärtigen Sparphase der öffentlichen Hand wird die Personalpräsenz aufgestockt. Neben der Staatlichen Polizei und der Bahnpolizei werden auch neue Formen der Personalpräsenz projektiert. Die Deutsche Bahn AG schaffte die DB Services Sicherheitsdienste und das private europaweit tätige Transportunternehmen KEOLIS realisierte gemeinsam mit den Behörden die Institution Agents de médiation. 2'700 Mann der DB gewährleisten auf Bahnhöfen und in Zügen nicht nur den Sicherheits - und Ordnungsdienst, sondern sie erbringen auch Serviceleistungen. Dabei ist auch Koffertragen einbezogen. Die Agents de Médiation sind beauftragt zu Accueil, Médiation, Information et Service. Sie sind in Lyon und Lille erfolgreich im Einsatz. Es braucht ein Gesamtkonzept Die praktischen Erfahrungen der Transportunternehmen unserer Nachbarländer haben gezeigt, dass Einzelmassnahmen nicht greifen. Um erfolgreich zu sein, ist ein Gesamtkonzept unerlässlich. Es hat diese Bereiche abzudecken:
- Bedrohungsanalyse - Risikoerkennung
- Personalpräsenz - Einsatz der Sicherheitskräfte
- Ordnungspartnerschaften - Partenariat
- Einsatz der Sicherheitstechnologie - Telematik
- Sicherheitszentrale - Kommandoposten
- Gestaltung der Anlagen und der Fahrzeuge - Station and Vehicle Design
- Einsatz vorbeugender Massnahmen - Prävention
- Gezielte Öffentlichkeitsarbeit - Kommunikation
- Security Organisation - Security Board.
Strategie öffentliche Sicherheit SBB Die SBB nutzten neben den eigenen Überlegungen auch die Erfahrungen der Transportunternehmen der Nachbarländer bei der Formulierung ihrer Strategie und ihres Gesamkonzepts. Die Strategie öffentliche Sicherheit SBB wurde vom Verwaltungsrat im Sommer 2003 genehmigt. Dazu einige Kernsätze, um die Marschrichtung anzudeuten. Generell ist die objektive Sicherheit und das subjektive Sicherheitsgefühl für Kunden und Mitarbeiter im Umfeld der Bahn zu gewährleisten und zu steigern. Die SBB sind vollumfänglich verantwortlich für die technische Sicherheit der Bahn. Im Gegensatz dazu sind sie allein nicht in der Lage, für die Personensicherheit/Security die Antwort auf das Phänomen der Böswilligkeit und Kriminalität zu geben. Dessen Ursachen sind exogener Natur. Aggression und Vandalismus sind kein spezifisches Bahnproblem, sondern ein Problem der Gesellschaft. Die Bahn hat jedoch ein unternehmerisches Interesse an der Sicherheit. Daraus abgeleitet übernehmen die SBB eine Mitverantwortung und keine Alleinverantwortung für die Security. Mitverantwortung und Partnerschaften Die SBB teilen sich in der Mitverantwortung mit Partnern. Partnerschaften sind anzustreben. Partnerschaften sind im Prinzip auf alle Kreise auszudehnen, die zur Sicherheit beizutragen vermögen. Mit dem Prinzip Mitverantwortung synchron läuft auch das Prinzip Mitfinanzierung. Vor Einführung jeder Massnahme ist deshalb die Frage der Finanzierung zu prüfen: Welcher Partner bezahlt was und wie viel? Zu vermeiden ist ein Transfer der Verantwortlichkeit von der öffentlichen Hand zu den SBB. Der Mensch steht im Vordergrund. Technik ist Hilfsmittel. Die Bahnpolizei hat für die SBB zentrale Bedeutung. Ihre Kompetenzen sind zu erweitern. Entwicklung der Sicherheitslage verfolgen Die Sicherheitslage verändert sich. Deshalb sind Massnahmen für die Personensicherheit ein dynamischer Prozess. Massnahmen, die heute genügen, erweisen sich morgen als ungenügend. Demzufolge ist die Entwicklung der Sicherheitslage sorgfältig zu verfolgen und zu registrieren. Massnahmen sind möglichst bis zu vorbehaltenen Entschlüssen vorzubreiten. Denn das Prinzip gilt, sich durch Vorbereitung nicht überraschen zu lassen. Sich nicht überraschen lassen heisst, die Entwicklung der Sicherheitslage aufmerksam verfolgen. Schweizer Bahnen sicherer Aus Vergleichen geht hervor, dass die SBB eine wesentlich bessere Sicherheitslage als beispielsweise die Nachbarn DB und SNCF haben. Und noch mehr: Die SBB haben im europäischen Vergleich mit zwei anderen Bahnunternehmen zusammen die beste Sicherheitslage. Trotzdem haben die Bundesbahnen eine beachtliche Zahl von Massnahmen umgesetzt oder sie sind in Vorbereitung. Das Beispiel Videosicherheitssysteme: Die grossen Probleme mit Vandalismus haben die Bundesbahnen veranlasst, Regionalzüge mit Videosicherheitssystemen auszurüsten. In einer ersten Phase werden alle Zugskompositionen für den Einsatz westlich einer Linie Basel, Olten, Luzern mit dem Videosystem versehen sein. Es werden zwei Züge pro Woche ab Mitte Februar 2004 ausgerüstet. Je nach Resultat werden auch die bestehenden Fahrzeuge zum Einsatz im Osten der Schweiz mit Videosicherheitssystemen ausgebaut. Alle neu abgelieferten Fahrzeuge für den Regionalverkehr werden mit diesen Systemen als Grundausrüstung versehen sein. Sechs Videokameras werden benötigt, um den gesamten Innenraum abzudecken. Die Videokameras zeichnen permanent auf. Die Videobilder werden 24 Stunden konserviert, über das Wochenende 72 Stunden. Datenschutzvorschriften waren bei der Festlegung dieser Frist zu berücksichtigen. Zugang zu den Aufzeichnungen hat ausschliesslich die Bahnpolizei. Wesentlich ist, dass in diesen älteren Fahrzeugen auch eine Notrufstelle eingebaut wurde. Bedient ein Kunde diese Alarmvorrichtung, wird eine direkte Sprechverbindung mit einer Zentrale der Bahnpolizei hergestellt, die fallweise disponiert. Die Bundesbahnen haben sich entschlossen, den Lokomotivführer aus Sicherheitsgründen in dieses System nicht zu integrieren. Die neu beschafften Züge werden mit Notrufstellen an den Eingängen und Videokameras mit Aufzeichnungsgeräten ausgerüstet sein und damit modernsten Anforderungen der Sicherheitsexperten entsprechen. Mit dieser Massnahme sind die Bundesbahnen weiter als die Staatsbahnen in den Nachbarländern. Fazit Security-Massnahmen sind in Abhängigkeit der Sicherheitslage zu realisieren, denn Investitionen und Betrieb kosten viel Geld. Sie müssen auch auf die Dauer bezahlbar bleiben. Eine Überreaktion dient der öffentlichen Verkehrsbedienung unseres Landes nicht. Aber die Massnahmen sind möglichst bis zu vorbehaltenen Entschlüssen vorzubereiten. Um im richtigen Zeitpunkt mit dem richtigen Massnahmenpaket reagieren zu können, ist die Entwicklung der Ereignisse sorgfältig zu verfolgen. Somit besteht die Herausforderung für die Bahn darin, zur Sicherheit der Kunden und der Mitarbeitenden, auf die Dauer bezahlbare, zweckmässige Massnahmen zu treffen, und zwar örtlich und zeitlich auf die Bedrohungslage abgestimmt.
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(In der neusten Publikation «gelben Serie» der LITRA mit dem Titel «Personensicherheit: Eine neue Herausforderung für die Bahn - Aggression und Vandalismus im öffentlichen Verkehr» ist eine aktuelle Liste der Massnahmen der Bundesbahnen mit Kommentar aufgeführt.)
gs_nr7_d.pdf (329.5 kB)
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