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Frauen benützen öffentliche Verkehrsmittel häufiger

Mobilität von Frauen am Beispiel der Stadt Zürich


litra. Immer wieder fordern Frauen geeignete Massnahmen, die ihnen den Aufenthalt im öffentlichen Raum sicherer machen sollen. Meist scheitert die Umsetzung derartiger Forderungen nicht nur an den aktuellen politischen Verhältnissen, sondern auch an nicht vorhandenen Datengrundlagen zur geschlechtsspezifischen Mobilität.

Frauen und Männer unterscheiden sich wegen der heute gültigen Rollenteilung deutlich in ihren Mobilitätsgewohnheiten. Zudem zieht ein frauenspezifischer Lebenslauf erhebliche Änderungen in der Alltagsmobilität nach sich. Männer weisen, solange sie erwerbstätig sind, eine weit geringere Vielfalt an Mobilitätsmustern auf als Frauen.

Um einen vertieften Einblick in Mobilitätsgewohnheiten, Wahlkriterien der benutzten Verkehrsmittel, Veränderungen im Lauf von Frauenleben und den Umgang mit Angstgefühlen zu ermöglichen, ist kürzlich eine breit angelegte Nationalfonds-Studie mit dem Titel «Sitzplätze statt Parkplätze» publiziert worden.


Die Autorin hat dabei nicht nur bereits bestehendes statistisches Material nach geschlechtsspezifischen Aspekten ausgewertet. So wurde beispielsweise ermittelt, welche Verkehrsmittel überhaupt zur Verfügung stehen, welche Verkehrsmittel dann tatsächlich benützt werden und welche Wege zurückgelegt werden. Dabei zeigte sich, dass offizielle Statistiken die Unterschiede eher verschleiern als deutlich machen.


Unterschiedliche Benützung der Verkehrsmittel

Bestehen bereits Unterschiede bei den zur Verfügung stehenden Verkehrsmitteln, so zeigen die Statistiken auch Unterschiede der tatsächlichen Mobilität auf. Denn ein Teil der Bevölkerung ist – wie folgende Tabelle zeigt – nicht täglich unterwegs.

Mobilität am Stichtag Bevölkerungskategorien Total

Jugendliche

Männer

Frauen
10 - 13 Jahre 14 - 17 Jahre 18 - 25 Jahre 26 - 65 Jahre > 65 Jahre 18 - 25 Jahre 26 - 62 Jahre > 62 Jahre
mobil 85,2% 85,5% 89,3% 90,1% 68,3% 86,7% 82,0% 60,8% 82,5%
nicht mobil 14,8% 14,5% 10,7% 9,9% 31,7% 13,3% 18,0% 39,2% 17,5%
Quelle: Mikrozensus 1989, GVF-Bericht 6/91, Bern


Am Stichtag der Befragung im Frühjahr 1989 waren im Durchschnitt 18% aller Personen nicht ausser Haus gegangen. Weit über diesem Durchschnitt liegen die Personen über 62 bzw. 65 Jahren; tendenziell waren prozentual mehr Frauen als Männer zu Hause geblieben.

Welche Verkehrsmittel schliesslich benützt wurden, geht aus der folgenden Tabelle hervor:

Werktag zu Fuss, Velo, öV Auto übrige (Mofa, Motorrad) alle Verkehrs-
mittel*)
Männer Anzahl Wege 1.43 2.06 0.22 3.82
% aller Wege 36.7% 53.9% 5.8% 100%
Frauen Anzahl Wege 1.91 1.29 0.09 2.97
% aller Wege 55.5% 38.3% 2.7% 100.0%
Total Anzahl Wege 1.65 1.69 0.16 3.60
% aller Wege 45.8% 46.9% 4.4% 100.0%
*) Die Durchschnittszahl der Wege entspricht nicht der Summe der angegebenen Verkehrsmittel; es fehlen die «übrigen Verkehrsmittel», die in der Quelle nicht aufgeführt sind.
Quelle: Mikrozensus 1989, GVF-Bericht 6/91, Bern


Während die Frauen 56% ihrer Wege mit Verkehrsmitteln des Umweltverbundes (zu Fuss, Velo, Bus, Tram, Postauto, Bahn) zurücklegen, sind es bei den Männern lediglich 37%. Entsprechend umgekehrt liegen die jeweiligen Anteile bei den Wegen, für welche das Auto benützt wird.


Kritik an offiziellen statistischen Erhebungen zum Thema Verkehr
Eine gewisse Kritik scheint allerdings bei den offiziellen statistischen Erhebungen zum Thema Verkehr angebracht zu sein. So listet die Autorin folgende vier Kritikpunkte auf: -Mangelnde Berücksichtigung des Geschlechts: Als Beispiel wird angeführt, dass das Bundesamt für Statistik bei der Präsentation der Ergebnisse der Volkszählung 1990 feststellte, Frauen und Männer unterschieden sich hinsichtlich der Verkehrsmittelwahl für den Arbeitsweg beträchtlich, doch wurden die entsprechenden Angaben nicht publiziert.
  • Aus Darstellungsgründen wurden in offiziellen Publikationen bisher Wege einem einzigen Verkehrsmittel zugeordnet. Das führt dazu, dass die Verkehrsmittel für kurze Distanzen (insbesondere die Fusswege) in den Statistiken unterbewertet werden.
  • Ebenfalls wird bisher ein Weg nur einem einzigen Verkehrszweck zugeordnet, obwohl insbesondere im Alltag von Frauen Kombinationen (z.B. Kinderbring- und Abholdienste kombiniert mit Einkaufen und persönlichen Erledigungen) anzutreffen sind.
  • Es werden bisher nur die vier Verkehrszwecke Pendlerverkehr, Einkaufsverkehr, Nutz- und Geschäftsverkehr sowie Freizeit- und Tourismusverkehr unterschieden. Die insbesondere von Frauen erbrachten sogenannten Serviceleistungen (z.B. unentgeltliches Hinbringen und Abholen von Personen) werden nicht berücksichtigt.
Zur Ergänzung der Auswertung bestehender Statistiken wurden wichtige Kriterien von frauenspezifischer Mobilität anhand von Interviews mit 70 Frauen in der Stadt Zürich ermittelt.

Planungsgrundlagen werden oft verfälscht wiedergegeben

Der Verkehr wird (nicht nur in der Schweiz) fast ausschliesslich von Männern geplant. Diese stützen sich bei ihrer Arbeit auf statistische Angaben und auf ihre eigenen Gewohnheiten. Wenn nun, wie in dieser Arbeit gezeigt, diese Planungsgrundlagen die Realität eines Grossteils der Bevölkerung nicht oder verfälscht wiedergeben, ist kaum damit zu rechnen, dass die Interessen der Frauen sowie die Anliegen und Forderungen der anderen vorwiegende langsamen Verkehrsteilnehmern und -teilnehmerinnen (nebst Frauen insbesondere Kinder und alte Menschen) berücksichtigt werden.
Das Buch richtet sich somit nicht nur an Verkehrsplanende und Verantwortliche öffentlicher Verkehrsmittel, sondern insbesondere auch an Frauen, die gerne unterwegs sind oder es wieder vermehrt sein möchten.



Heidi Meyer:
Sitzplätze statt Parkplätze.
Quantitative und qualitative Aspekte der Mobilität von Frauen am Beispiel der Stadt Zürich.
Chur, Verlag Rüegger, 305 Seiten. ISBN 3-7253-0626-5. Die Publikation kann leihweise bezogen werden bei der Infothek SBB, Mittelstr. 43, 3000 Bern 65,
Telefon (0512) 20 22 12, Telefax (0512) 20 40 99, eMail:
Infothek@sbb.ch

 

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