Vor 100 Jahren wurde der Wetterhornaufzug eröffnet
litra. (27.9.2007) Lediglich von 1908 bis 1914 war die erste Luftseilbahn der Schweiz, der Wetterhornaufzug in Grindelwald, in Betrieb. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges raubte diesem jungen Unternehmen den Schnauf.
Mit einigem Staunen werden die Grindelwalder im «Echo» vom 17. Februar 1904 vernommen haben, dass der Gipfel des 3701 Meter hohen Wetterhorns als Ziel für einen Bergauszug vorgesehen sei. Die Zeitung meldete nämlich, dass eine provisorische Konzession für eine Luftseilbahn eben erteilt worden sei. Da eine solche Bahnkonstruktion sonst noch nirgends verwirklicht worden war, ist die damalige Skepsis der Bevölkerung gut verständlich. Und dass dieses System noch von einem aus Köln stammenden Regierungsbaumeister ausgeheckt worden sei, mag das Vertrauen in eine solch «neumödische» Bahn auch nicht gestärkt haben.
Grindelwald beteiligt sich mit 5000 Franken Die Gemeindeversammlung von Grindelwald stand der neuen Technik allerdings recht aufgeschlossen gegenüber, bewilligten die Bürger doch am 2. Mai 1904 eine Beteiligung mit 5000 Franken. Auch die Bergschaften Scheidegg und Grindel zeichneten 3000 bzw. 2000 Franken. Flugs war auch ein Projekt für eine Tramverbindung vom Bahnhof Grindelwald zur geplanten Talstation des Wetterhornaufzugs beim oberen Gletscher ausgearbeitet, das aber bald von einem anderen Projekt für eine «Grosse Scheidegg-Bahn» Konkurrenz erhielt. Die Kutscher setzten aber diesen Vorhaben mit Erfolg erbitterten Widerstand entgegen.
Die Konzessionsbewerber Feldmann und Stoessel Wer steckte nun eigentlich hinter den Wetterhorn-Plänen? Als Konzessionsbewerber zeichneten der Regierungsbaumeister Wilhelm Feldmann aus Köln (er hatte die 1901 eröffnete und heute noch bestehende Schwebebahn Barmen–Elberfeld–Vohwinkel im heutigen Wuppertal entworfen) und Dr. Stoessel aus Dresden, der im Vorstand der AG Elektra sass, welche die dortige Bergschwebebahn in Loschwitz betrieb. Heute erstaunt es wohl, dass diese beiden Initianten die einheimische Bevölkerung so von ihrer für die damalige Zeit ausgefallenen Idee begeistern konnten. Im Konzessionsbegehren wurden die Vorteile einer solchen Einrichtung in den blumigsten Farben beschildert: «So bieten schon die Aufzugfahrten mit den verbindenden Wegen einen Naturgenuss, der schwerlich seinesgleichen findet, und die Geheimnisse und Wunder des Hochgebirges sind ohne Übermüdung, ohne Gefahr und ohne grosse Opfer an Zeit und Geld auch denjenigen zugänglich, denen die Natur das Mass an Körperkraft versagt hat, beschwerliche Bergtouren machen zu können. Der bisher vier bis fünf Stunden dauernde, anstrengende und nur mit Führern zurückzulegende Weg wird jetzt bequem in einer kleinen Stunde zurückgelegt, und das Fahrgeld beträgt nur einen geringen Teil des bisherigen Führerlohns. Das vielen Bergsteigern unbequeme Übernachten auf Hüttenstroh fällt fort.»
Der Bau kann beginnen Die in Bern am 9. Juli 1904 konstituierte «Bergaufzug, Patent Feldmann, Aktiengesellschaft» mit einem Aktienkapital von 500’000 Franken ausgestattete Gesellschaft machte sich nun zielbewusst an den Bau der ersten Etappe bis zur Enge (später war der Bau einer zweiten Etappe vorgesehen). Der plötzliche Tod des Initianten und Erfinders der Bahn, Ingenieur Wilhelm Feldmann, hatten keinen Einfluss auf die Bauarbeiten. Besonders der nicht ganz einfache Transport der Drahtseile zur Talstation erweckte das Interesse der Zeitgenossen. Das «Echo von Grindelwald» meldete darüber am 28. Oktober 1905: «Letzten Mittwochabend ist das erste Teilstück des Drahtseiles zu dem Wetterhornaufzug bei der Station beim oberen Gletscher glücklich angelangt. Der Transport dieses 140 Zentner schweren Frachtstückes gestaltete sich als ein sehr mühevoller, 12 Pferde waren an den Lastwagen gespannt, es dauerte sechs Tage, bis die schwere Last vom Bahnhof Grindelwald nach dem Bestimmungsort gebracht wurde. Ein zahlreiches Publikum begleitete jeweilen den höchst originellen und interessanten Transport.»
Die definitive Konzession trifft ein Am 5. März 1907 traf die definitive Konzession für den Wetterhornaufzug ein. Nach Abschluss aller Bauarbeiten konnten vom 19. bis 22. Oktober 1907 noch eigentliche Probefahrten und Bremsproben durchgeführt werden, doch dann verhinderte der Winter eine baldige Eröffnung. Endlich, am 24. Juli 1908, fand die amtliche Abnahme des Aufzugs (Kollaudation) statt, und vom 27. Juli 1908 an funktionierte der fahrplanmässige Betrieb. Der Wetterhornaufzug kann somit als erste für den Personenverkehr bestimmte und mit allen erforderlichen Sicherheitseinrichtungen versehene Luftseilbahn der Welt bezeichnet werden. Sogleich setzte ein reger Ansturm auf den Aufzug ein. Da der Aufzug ja keine Zwischenstützen aufwies und die beiden Tragseile übereinander angeordnet waren, konnte selbst bei grösstem Föhnsturm ein ruhiger Betrieb garantiert werden. Einige Passagier verglichen die Reise gar mit einer Ballonfahrt.
Fahrten alle 30 Minuten Wie dem Amtlichen Kursbuch vom Sommer 1909 zu entnehmen ist, fanden jeweils von 7.30 bis 12.00 und nachmittags von 1.00 bis 7.00 Uhr alle 30 Minuten Fahrten statt; bei Bedarf wurden weitere Fahrten eingelegt. Die 420 Meter lange Strecke wurde dabei in 8½ Minuten zurückgelegt, wobei eine einfache Fahrt Fr. 3.50 und eine Retourfahrt Fr. 5.- kostete. In der Nähe der Bergstation diente die frühere Baubaracke als Restaurant; betrieben wurde es bis 1911 von der Frau des Glecksteinhotel-Pächters Peter Bohren und später – auch nach der Betriebseinstellung des Aufzugs – von Moser und Schlunegger.
Der Erste Weltkrieg bedeutet das Ende Im September 1914 wurden vom 1. bis 10. des Monats noch insgesamt 38 Bergfahrten und infolgedessen auch gleich viele Talfahrten ausgeführt und damit 8540 Kilo befördert. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs geriet nun die sich in einwandfreiem technischem Zustand befindliche Anlage in arge finanzielle Bedrängnis. Denn die fremden Gäste blieben ganz aus, und die Schweizer Bevölkerung hatte nun kaum das nötige Kleingeld, um solche Reisen zu unternehmen. Nach der Kriegsmobilisation wurde zwar noch ein reduzierter Betrieb aufrecht erhalten, aber 1915 erfolgte die völlige Stilllegung des Betriebs. Immerhin wurden die Anlagen vorerst noch beaufsichtigt und unterhalten. Jeden Herbst wurden beispielsweise die Tragseile neue eingefettet, damit die Anlage nicht einroste. Zudem wurden in der Talstation die Batterien neu geladen.
Eine Kabinennachbildung gelangt nach Grindelwald Eine Nachbildung der Kabine in Originalgrösse wurde anlässlich der Internationalen Verkehrsausstellung 1965 in München gezeigt. Nach längeren Verhandlungen mit der Firma Von Roll AG in Bern war es am 2. Juli 1975 soweit, dass die Kabinennachbildung von Bern nach Grindelwald transportiert und dann beim Hotel Wetterhorn aufgestellt wurde. Seither ist auch die vom Tal aus sehr gut erkennbare Bergstation in der Enge wieder rekonstruiert worden. Der Wetterhornaufzug hatte trotz seiner kurzen Betriebszeit weltweit für Aufsehen gesorgt. Um so erfreulicher ist es, dass an Ort und Stelle – mit der Kabinennachbildung und der Bergstation – die Erinnerung an diese Bahn wachgehalten wird. Quelle Der Wetterhornaufzug, die erste Luftseilbahn der Schweiz. Schriften der Heimatvereinigung Grindelwald, 4. Auflage 1993. Erhältlich im Heimatmuseum Grindelwald oder bei der Heimatvereinigung, 3818 Grindelwald.
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