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Lärmsanierung bei Eisenbahnen: Auf gutem Weg

Stand der Sanierung, Technik und Terminplan

litra. Die Schweizer Eisenbahnen werden seit dem Jahr 2000 lärmsaniert. Realisiert werden Massnahmen am Rollmaterial, der Bau von Lärmschutzwänden und - als ultimo ratio – der Einbau von Schallschutzfenstern. Mit diesen Massnahmen werden viele Menschen vom Lärm entlastet. Probleme schafft der internationale Eisenbahngüterverkehr, der aus Kostengründen nicht auf leiseres Rollmaterial umrüstet. Mit einer Motion von Nationalrat Fabio Abate (FDP/TI) wurde deshalb der Bundesrat beauftragt, bei den zuständigen Organen der EU die nötigen Schritte zu unternehmen.

In der Schweiz sind rund 260'000 Menschen Lärmemissionen der Eisenbahn ausgesetzt, die über den Grenzwerten liegen. Zu ihrem Schutz wird seit einigen Jahren ein umfassendes Konzept zur Lärmreduktion umgesetzt und durch den FinöV-Fonds (Bau und Finanzierung von Infrastrukturvorhaben des öffentlichen Verkehrs) finanziert. Es beinhaltet Massnahmen am Rollmaterial, die Realisierung von Lärmschutzwänden und den Einbau von Schallschutzfenstern.

Bis 2015 lärmsaniert
Die Lärmsanierung kommt gut voran. Das Etappenziel – Abschluss Rollmaterialsanierung bis 2009 – wurde allerdings etwas nach hinten geschoben. Ende 2006 präsentierte sich der Stand wie folgt: Von den SBB-Reisezugwagen sind 97 Prozent saniert; insgesamt bei den Normalspurbahnen 91 Prozent. Von den SBB- und Privatgüterwagen sind 19 Prozent lärmsaniert. Die Sanierung der SBB-Wagen erfolgt in den SBB-Werkstätten. Rund 70 Prozent der Lärmschutzwände und der Schallschutzfenster sind verfügt oder befinden sich im Plangenehmigungsverfahren.

Der Erfolg der Lärmsanierung wird gemessen an der Anzahl Personen, deren Lärmbelastung unter die massgeblichen Belastungsgrenzwerte gesenkt werden konnte. Gemäss den gesetzlichen Vorgaben muss dieser Anteil mindestens 66 Prozent betragen. Die bereits verfügten Sanierungsprojekte sowie diejenigen im Plangenehmigungsverfahren erreichen einen Schutzgrad von 62 Prozent. Dies bedeutet, dass bei den noch ausstehenden Sanierungsprojekten ein Schutzgrad von über 70 Prozent erreicht werden muss, damit das vom Gesetz vorgegebene Schutzziel erreicht werden kann. Dieses Szenario ist realistisch, weil die noch zu sanierenden Streckenabschnitte tiefere Lärmemissionen aufweisen, als die bereits sanierten Strecken. Das schweizerische Konzept für die Lärmsanierung der Eisenbahnen kann innerhalb der gesetzlich vorgegebenen Frist (2015) und innerhalb des geschätzten Finanzrahmens erfolgreich zu Ende geführt werden.

Grenzüberschreitende Güterverkehrstransporte ungelöst
Die Freude über den Erfolg dieses europaweit einmaligen Lärmsanierungsprojektes für Eisenbahnen bleibt aber nicht ungetrübt. Sorgen bereiten insbesondere die grenzüberschreitenden Güterverkehrstransporte. In Europa verkehren rund 600'000 Güterwagen, die eine Lärmsanierung dringend nötig hätten. Bei einer unkontrollierten Durchfahrt solcher Güterwagen, müssten viele Regionen unseres Landes unter den schädlichen Auswirkungen leiden. Weil die Europäische Union noch nichts zur Lösung dieses Problems unternommen zu haben scheint, reichte Nationalrat Fabio Abate (FDP/TI) am 5. Oktober 2005 eine Motion betreffend Lärmemission durch Güterwagen aus EU-Ländern ein. Darin wird der Bundesrat beauftragt, «bei den zuständigen Organen der EU die nötigen Schritte zu unternehmen, damit das Rollmaterial - insbesondere die Güterwagen aus EU-Ländern, welche die Schweiz durchqueren - einer Lärmsanierung unterzogen wird». Der Bundesrat hat am 9. Dezember 2005 die Annahme der Motion beantragt und zugesichert, dass der Bund sämtliche Möglichkeiten ausschöpfen werde, «die ihm für das Vorantreiben der Lärmsanierung des betreffenden Rollmaterials zur Verfügung stehen». Der Motion wurde im Nationalrat am 16. Dezember 2005 und im Ständerat am 5. Oktober 2006 zugestimmt.

Kosten und Finanzierung
Für die Lärmsanierung der Eisenbahnen stehen aus dem FinöV-Fonds (Volksabstimmung vom 29.11.1998) rund 1,8 Milliarden Franken zur Verfügung. Die Endkostenprognose über die drei nachfolgenden Teilprojekte beläuft sich per Ende 2006 auf rund 1,14 Milliarden Franken (Preisstand 1998).

Mit Stand Ende 2006 ist die Sanierung der Reisezugwagen mit kleinen Ausnahmen abgeschlossen. Insgesamt sind 984 Reisezugwagen im Rahmen der Lärmsanierung FinöV lärmarm umgebaut worden. Die Einheitskosten pro Fahrzeug liegen mit knapp 42'000 Franken rund 3'000 Franken, die gesamten prognostizierten Endkosten um rund 45 Prozent unter der Kostenannahme aus der Botschaft über die Lärmsanierung der Eisenbahnen. Die Lärmsanierung der Güterwagen ist noch in vollem Gange. Per Ende Dezember 2006 sind insgesamt 2'141 SBB-Wagen lärmsaniert worden. Die prognostizierten Endkosten für die gesamte Güterwagensanierung (inkl. private Güterwagen) liegen aufgrund der kleineren Gesamtmenge und dem Engineeringerfolg SBB um knapp 60 Prozent unter der Kostenannahme aus der Botschaft über die Lärmsanierung der Eisenbahnen. Im Bereich der Infrastrukturprojekte sind bis Ende Dezember 2006 vom Bundesamt für Verkehr 142 Projekte verfügt worden, davon sind 136 rechtskräftig. Die prognostizierten Endkosten für die baulichen Lärmschutzmassnahmen (ohne Schallschutzfenster, diese werden von den Kantonen direkt umgesetzt) liegen gegenüber den Kostenannahmen aus der Botschaft um 84 Millionen Franken oder 11 Prozent tiefer.

Was kann im Güterverkehr getan werden?
Bei der Lärmsanierung von Güterwagen stehen zwei Probleme im Vordergrund: Zum einen gehört das eingesetzte Rollmaterial zum lautesten im Bahnbereich überhaupt. Zum anderen verkehren die Güterzüge vor allem nachts. Das ist erwiesenermassen die lärmsensibelste Zeit.

Was kann nun dagegen getan werden? Um diese Frage fundiert beantworten zu können, braucht es Kenntnisse darüber, wie Geräusche entstehen. Beim Betrieb von Eisenbahnanlagen wird zwischen Fahr- und Bahnhofgeräuschen unterschieden:

Fahrgeräusch

Bahnhofgeräusch

Antriebsgeräusch

Rollgeräusch

Aerodyn. Geräusch

Kurvengeräusch

§Spezialgeräusche

v= 0 – 60 km/h

v= 60 – 250 km/h

v= > 250 km/h

Kurvenradien < 500m

z.B. Weichen, Brücken

Anfahrgeräusch

Bremsgeräusch

Rangiergeräusch

Maschinengeräusch (z.B. Lüfter)


Am meisten Lärm verursacht der Fahrbetrieb, also das Fahrgeräusch. Hier wiederum interessiert in der Schweiz der Geschwindigkeitsbereich von v= 60 km/h bis v= 250 km/h. Dies bedeutet, dass das Rollgeräusch die Hauptursache für den Lärm bildet. Es ist die Folge von mikroskopischen Unebenheiten (Rauheiten) von Rad und Schiene. Im Rahmen des laufenden Lärmsanierungsprojektes wird diesem Umstand Rechnung getragen, indem die Fahrzeuge von Grauguss-Bremssohlen (GG-Sohlen) auf so genannte Verbundstoffbremssohlen (K-Sohlen) umgerüstet werden. Diese Massnahme mindert das Aufrauen des Rades signifikant und ist aus akustischer Sicht somit hochwirksam.

Feldversuche mit Bremssohlen
Im Rahmen eines Feldversuches hat das Bundesamt für Umwelt (BAFU) im Jahr 2003 einen 700 m langen Testzug mit umgerüsteten Fahrzeugen akustisch ausgemessen und eine Wirksamkeit von 9-10 dB(A) nachgewiesen. Ein sanierter Eisenbahngüterwagen macht damit noch etwa gleich viel Lärm wie ein moderner Reisezugwagen. Die Realisierung dieser Massnahme hat aber verschiedene Konsequenzen. K-Sohlen besitzen einen anderen Reibwert als GG-Sohlen. Dies bedeutet, dass an den Fahrzeugen die Bremsen baulich angepasst und allenfalls Räder ersetzt werden müssen. Um die Lärmreduktion längerfristig zu sichern, muss die Schienenrauheit zudem klein und der Fahrzeuglauf stabil gehalten werden. Das Fahrzeug muss deshalb zusätzlich so gewartet werden, dass Flachstellen an den Rädern vermieden werden und bewegliche Teile keinen Lärm verursachen.

Zusätzliche Massnahmen
Alle diese Punkte kosten Geld. Die Umrüstung eines Eisenbahngüterwagens kostet durchschnittlich CHF 10'000.-- pro Wagen. Die gesteigerte Lebensdauer der K-Sohlen gegenüber der GG-Sohle und das erhöhte Verschleissverhalten der Räder mit K-Sohlen führen heute (gemäss Bundesamt für Umwelt) zu betrieblichen Mehrkosten für einen Güterwagen mit hoher Laufleistung von CHF 1'000.- bis 2'000.- pro Jahr. Diese Kosten verhindern, dass bereits beschaffte Güterwagen im Ausland mit K-Sohlen nachgerüstet werden. Welche Massnahmen stehen also noch zur Verfügung? Grundsätzlich lassen sich die Möglichkeiten wie folgt kategorisieren:

  1. Anregung von Rad und Schiene - und damit die Schallentstehung - reduzieren
  2. Angeregte Schwingung durch Dämpfungsmassnahmen reduzieren
  3. Schallausbreitung reduzieren (Bau von Lärmschutzwänden)
  4. Anreizsysteme zur Entwicklung und Benützung von lärmarmen Techniken installieren.

Vor- und Nachteile dieser Massnahmen im Detail:

1. Anregung von Rad und Schiene reduzieren

Vorteile

Nachteile

Ursächliche Lärmbekämpfung

Grundsätzlich hohe Wirksamkeit

Wirksamkeit netzweit

Gutes Kosten-/Nutzen-Verhältnis

Etablierte Technik (UIC Zulassung)

Reduktion der Wartungskosten

Wirksamkeit mittel- bis langfristig

Wirksamkeit nur bei konsequenter Umsetzung

Konsequente Lärmsanierung der Fahrzeuge erfordert EU-weite Vereinbarung oder
betriebswirtschaftliche Rentabilität.

2. Angeregte Schwingung durch Dämpfungsmassnahmen reduzieren

Vorteile

Nachteile

Ursächliche Lärmbekämpfung

Massnahmen am Rad wirken netzweit

Massnahmen an der Schiene: Minderungspotential wenn lärmarme Fahrzeuge verkehren von 2-3 dB(A)

Wirksamkeit unsicher (keine vollständig dokumentierten Untersuchungen)

Unterhalt an Rad/Schiene erschwert

Keine gesicherten Daten zu den Kosten

Massnahme am Rad: verteuern das Rad um 100Prozent und machen die Fahrzeuge schwerer

Massnahmen an der Schiene: Wirksamkeit nur dann, wenn die Radrauheit gering,

Wirksamkeit nur lokal

Massnahmen sind aufwändig und teuer

3. Schallausbreitung reduzieren (Lärmschutzwände)

Vorteile

Nachteile

Wirken sofort

Wirken dauerhaft

Keine ursächliche Lärmbekämpfung

Negative Einflüsse auf das Landschafts- und Ortsbild

In Alpentälern oft wenig wirksam (Inversion)

Schlechtes Kosten-Nutzen Verhältnis

Wirkt nur lokal

Räumliche Trennung

Schattenwurf

Beeinträchtigte Aussicht für Betroffene

  • Folgekosten (Unterhalt)
  • Aufwändige Plangenehmigungsverfahren

4. Anreizsysteme

Vorteile

Nachteile

Fördert die Entwicklung lärmarmer Techniken

Netzweite Wirksamkeit

Wirksamkeit mittel- bis langfristig

Gefährdet potentiell den Modal-Split Strasse / Schiene


Aufgrund der oben stehenden Überlegungen geht hervor, dass der Güterverkehr am sinnvollsten dann leiser gemacht werden kann, wenn es gelingt, die Schallanregung von Rad und Schiene zu reduzieren. Dabei stehen folgende Möglichkeiten zur Verfügung:


Massnahme

Kommentar

Einsatz von Fahrzeugen mit Scheibenbremsen

In der Regel zu teuer à keine Option

Einsatz von Fahrzeugen mit Verbundstoffbremssohlen (K-Sohlen)

Betriebswirtschaftlich nicht rentabel. Ohne staatliche Hilfe werden ausländische Eisenbahnunternehmen nicht umrüsten à Option mit geringem Erfolgspotential hinsichtlich der Umrüstung bestehender Fahrzeuge.

Einsatz von Fahrzeugen mit LL-Sohlen

Die LL-Bremssohle ist europaweit bis Ende 2007 erst versuchsweise zugelassen. Das Interesse der ausländischen Eisenbahnunternehmen ist infolge des erforderlichen finanziellen Engagements für die definitive Zulassung und des fehlenden betriebswirtschaftlichen Anreizes gering. LL-Sohlen sollen indessen die gleichen Eigenschaften hinsichtlich der Bremswirkung besitzen wie die GG-Sohle, ohne die Radlauffläche entsprechend aufzurauhen. Dies würde die kostenneutrale Umrüstung der Güterwagen auf eine lärmarme Technologie ermöglichen. –>Option mit Erfolgspotential für die Umrüstung der bestehenden Fahrzeuge, wenn die definitive Zulassung erreicht wird.

Entwicklung und Einsatz von neuen lärmarmen Fahrzeugtechniken

Mit dem Projekt LEILA hat die Firma Josef Meyer Waggon AG in Rheinfelden (CH) in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität in Berlin ein leichtes und lärmarmes Güterwagen-Drehgestell entwickelt. –> Option mit Erfolgspotential für die mittel- und langfristige Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit der Eisenbahn im Güterverkehr.



Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass eine Erfolg versprechende Strategie für die nachhaltige Lärmsanierung der Eisenbahnen folgende zwei Massnahmen beinhalten sollte:

  1. Förderung der LL-Sohle. Die LL-Sohle wird ab 2007 von den SBB in einem zweijährigen Betriebsversuch eingesetzt. Nur mit dieser Technik wird es möglich sein, eine europaweite und kostenneutrale Umrüstung der Fahrzeuge zu erreichen. Die Kostenneutralität ist dabei der Schlüsselfaktor zum Erreichen des Zieles.
  2. Förderung der Entwicklung und des Einsatzes von neuen lärmarmen Fahrzeugtechniken. Mit LEILA wurde ein Drehgestell mit Radscheibenbremsen entwickelt, das dem neusten Stand der Technik entspricht und gegenüber den heutigen Drehgestellen wesentliche ökonomische und ökologische Vorteile bietet. Eine höhere Transportgeschwindigkeit und die Steigerung der zulässigen Achslast sind dabei die zielrelevanten Schlüsselfaktoren.

Beide Massnahmen werden vom Bund unterstützt und mit einer Finanzhilfe von 50 Prozent der Kosten gefördert. Sie sollen mithelfen, den Schienengüterverkehr gegenüber den konkurrierenden Transportarten (Strassen-, Schiffs- und Flugverkehr) mittel- und langfristig konkurrenzfähig zu halten.

Kasten


Lärmsanierung der Eisenbahnen
litra. Die Lärmsanierung der Eisenbahnen ist in drei Teilprojekte gegliedert:
1. Rollmaterialsanierung, 2. Lärmschutzbauten (v.a. Lärmschutzwände), 3. Massnahmen am Gebäude (Schallschutzfenster, Schalldämmlüfter). Laut Lärmprognose für das Jahr 2015 (Emissionsplan) würden ohne Lärmschutzmassnahmen 300'000 Personen mit Lärm über dem Grenzwert leben. Für rund zwei Drittel der von übermässigem Lärm betroffenen Anwohner soll die Belastung soweit reduziert werden, dass die Immissionsgrenzwerte eingehalten sind. Wo dies nicht möglich ist, werden Massnahmen am Gebäude vorgesehen. Der Emissionsplan des Bundesrates zur Lärmsanierung ist in erster Linie die Grundlage für die Dimensionierung der baulichen Lärmschutzmassnahmen im Rahmen des Bundesgesetzes über die Lärmsanierung der Eisenbahnen und ein Instrument zur Ausscheidung von Streckenabschnitten ohne Sanierungspflicht.

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