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Stillgelegte Bahnlinien – und was daraus geworden ist

Bereits 1860 wurde die erste Bahnlinie eingestellt


litra. Streckenstillegungen bei den Bahnen sind nicht etwa eine Erfindung der heutigen Zeit - bereits im Dezember 1860 wurde die erste (immerhin lediglich zwei Jahre alte) Bahnstrecke von Biel nach Nidau eingestellt. «Hochbetrieb» bei den Bahneinstellungen herrschte aus technischen Gründen in den fünfziger Jahren, während heute vor allem finanzielle Gründe zu Umstellungsuntersuchungen führen. Bisher wurden 732 Schienen-Kilometer (!) stillgelegt.

Während sich die Forschung eingehend den historischen Verkehrswegen auf Strassen widmet, steckt die wissenschaftliche Untersuchung stillgelegter Bahnstrecken noch weitgehend in den Kinderschuhen. Dies zu Unrecht, denn bereits am 10. Dezember 1860 wurde als erste Bahnstrecke der Schweiz die erst zwei Jahre alte, 840 Meter messende Strecke der Schweizerischen Centralbahn (SCB) von Biel nach Nidau aufgehoben. Der Grund? Die Bahnpassagiere hatten vorerst in Nidau auf die Schiffe umzusteigen, da das Eisenbahnnetz von der Westschweiz her damals in Yverdon endete. Aber 1860 war auch die letzte Bahnlücke zwischen Biel und Le Landeron geschlossen, und das mühsame Umsteigen aufs Schiff konnte der Vergangenheit angehören.
Mit dem Schicksal von stillgelegten Eisenbahnlinien in der Schweiz befasst sich eingehend eine Diplomarbeit am Geographischen Institut Bern. Der Verfasser der Diplomarbeit hat rund 250 (Eisenbahn-)Kilometer zu Fuss abgeklopft, um die heutige Nutzung einwandfrei festzustellen. Spontane und informative Kontakte mit Anwohnern waren so leichter zu bewerkstelligen. Dass der Autor bei seinen Wanderungen auf viele Restaurants mit dem Namen „Bahnhof", „Gare" oder „Stazione" ohne Bahn in der Nähe gestossen ist, sei nur am Rande vermerkt. Ebenfalls sind noch heute viele Quartier- und Strassenbezeichnungen auf verschwundene Eisenbahnen zurückzuführen.

Bisher 732 Kilometer stillgelegt
Die Streckenstillegungen in der Schweiz sind beträchtlicher und wichtiger, als gemeinhin angenommen worden ist: Bisher wurden 732 Kilometer Bahnen stillgelegt, die meisten davon sind Schmalspur- und Strassenbahnen. Dies entspricht einem Viertel der Länge des heutigen SBB-Netzes. Grund dafür ist das veränderte Mobilitätsverhalten der Bevölkerung. Denn die einstige Monopolstellung der Eisenbahnen ist schon lange verschwunden. Insbesondere ländliche und schwach besiedelte Gebiete können mit dem öffentlichen Verkehr, speziell aber mit der Eisenbahn, nicht immer optimal erschlossen werden. Gleich dem Bau einer Eisenbahnlinie ist auch deren Stillegung unmittelbar raumwirksam und rechtfertigt daher eine genauere Untersuchung der damit einhergehenden Nutzungsänderungen und deren Folgen. Im Normalfall findet man ein Areal von einigen wenigen Metern Breite, jedoch oft mehreren Kilometern Länge vor, ein langes Band, das sich im Besitze eines einzigen Eigentümers befindet.

Eingestellte Bahnen der Schweiz, Stand 1995

Charakteristik

Länge in Metern

Normalspurbahnen

71’388

Schmalspurbahnen inkl. Zahnradbahnen

277’094

Überland-Strassenbahnen

81’774

Eingestellte Ortsstrassenbahnen

144’809

Hoteltramways

2’023

Teilstrecken bestehender Strassenbahnen

150’177

Drahtseilbahnen

5’474

Total eingestellte Strecken

732’739

Quelle: Jürg Aeschlimann: Ausgehobene Bahnen in der Schweiz,
Verein Rollmaterialverzeichnis Schweiz (VRS), Winterthur, 1996, Loseblattsammlung.

Mögliche touristische Nutzungsarten stillgelegter Eisenbahnlinien
Es stellt sich bei den aufgehobenen Bahnlinien die berechtigte Frage, ob es sich unsere Gesellschaft leisten kann, die enormen Investitionen in den Bau von Verkehrswegen ungenutzt zu lassen. Dabei sei beispielsweise die touristische Nutzung angesprochen, die mit durchgehenden Wanderrouten und Velowegen (und falls die Schienen noch vorhanden sind, mit Schienenveloangeboten), aber auch mit Langlaufloipen oder Schneemobil-Routen im Winter denkbar wäre (und insbesondere in England und Nordeuropa an vielen Stellen verwirklicht worden ist).
So sind folgende Nutzungen denkbar:

  • Aufrechterhaltung der Schieneninfrastruktur: Die Nutzung als Museumsbahn, besonders mit Dampfbetrieb, vermag ein Publikum anzuziehen, das den Genuss in der Beförderung selbst sucht. Eine besonders in Skandinavien realisierte Nutzung besteht im Angebot von Schienenvelo-Fahrten.
  • Verkehrsverbindung: Eine Umnutzung als Veloweg, eventuell in Kombination mit einem Wanderweg, ist wegen den Steigungsverhältnissen oft sehr ideal. Mit einer Strasse für den Autoverkehr ergeben sich oft gewisse Probleme, da das Planum der Eisenbahn nur in den seltensten Fällen für eine Strasse ausreicht. Eine Nutzung ist auch für Rohrleitungen und für die Energie- und Informationsübertragung denkbar, da keine Durchleitungsrechte erforderlich sind.
  • Rekultivierung: Eine Umnutzung als Hecke oder Grünstreifen ist besonders sinnvoll, da Eisenbahnareale oft als Standort für viele, zum Teil seltene Pionierpflanzen gelten. Eine landwirtschaftliche Nutzung bedingt eine vollständige Entfernung der Eisenbahnanlagen.

Die Chronologie der Stillegungen in der Schweiz
Die Bautätigkeit der Eisenbahnen in der Schweiz fand zunächst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ein Ende. Aufgrund des faktischen Verkehrsmonopols, das die Eisenbahnen damals noch besassen, fand das gesamte Verkehrswachstum auf der Schiene statt. Nach dem Ersten Weltkrieg erlangte dann das Automobil vermehrt Bedeutung. Zwar galt es lange Zeit nicht als Transportmittel der grossen Masse, doch wurde es zu einem ernsthaften Konkurrenten der Bahn. Die letzten grossen Bahnbauten waren der Bau der Centovalli-Bahn und der Furka–Oberalp-Bahn von Gletsch bis Disentis, die beide in den Zwanziger Jahren erfolgten. Schon bald kamen die ersten eigentlichen Stillegungen, denn was im 19. Jahrhundert als Stillegung lief, war meist die Konsequenz eines Ausbaus: die Aufgabe einer provisorischen Verbindung (Biel–Nidau, Le Creux–Convers, Biberist–Derendingen) oder die Konkurrenz durch eine neue Eisenbahnlinie (Stansstad–Stans, Sissach–Geltenkinden, Herisau–St. Gallen Winkeln). Dies kann aber kaum als Rückzug der Eisenbahn ausgelegt werden.
Der eigentliche Stillegungsprozess setzte ungefähr um 1928 ein. Während des Zweiten Weltkriegs war dieser Prozess vorübergehend etwas gestoppt, setzte dann aber nach 1950 mit voller Wucht wieder ein. Besonders gefährdet waren Schmalspurbahnen und von diesen wiederum diejenigen am meisten, deren Geleise in der Strasse verlief. Auf eidgenössischer Ebene wurde 1966 auch das damalige Eidgenössische Amt für Verkehr aktiv, indem es eine ständige Eidgenössische Kommission zur Prüfung der Umstellung von Eisenbahnen bestimmte. Die Stillegungswelle erreichte um 1970 ihren vorläufigen Höhepunkt, da der Schienenverkehr von weiten Kreisen als veraltet und nicht mehr zeitgemäss betrachtet wurde. Erst die kurze Zeit später einsetzende Energiekrise brachte einen Gesinnungsumschwung. Ab 1980 kamen die Betriebseinstellungen fast vollständig zum Erliegen. Zu Beginn der Neunziger Jahre erfasste eine neue Einstellungswelle das Land, wobei vermehrt auch moderne Normalspurbahnen aus finanziellen Gründen geopfert wurden.

Besonders betroffene Gebiete
Gebietsweise lassen sich folgende Schwerpunkte erkennen:
  • Tessin: Den Anfang machte die 1926 als Transitbahn gebaute Verbindung von Mendrisio über Stabio nach Italien. 1948 und 1950 folgte die Strassenbahn von Riva San Vitale nach Chiasso, während 1965 die Bahn ins Maggiatal eingestellt wurde, 1967 die Verbindung von Lugano nach Tesserete und 1970 jene nach Dino. 1972 wurde der Personenverkehr ins Misox (Graubünden) auf Bus umgestellt, 1973 folgte das Bleniotal.
  • Waadtland: Sehr viele Schmalspur- und Strassenbahnen sind auf Bus umgestellt worden, so etwa: Rolle–Gimel (1938), Allaman–Aubonne–Gimel (1950 und 1952), Gland–Begnins (1954), Clarens–Blonay (1955), Vevey–Montreux-Chillon-Villeneuve (1952 bis 1958), La Sallaz–Mézières–Moudon (1962 bis 1963) oder Villars–Chesières (1963). Doch auch Normalspurbahnen wurden stillgelegt, so wurde die Strecke Vallorbe–Pontarlier nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr wiedereröffnet. Die grenzüberschreitende Bahn von Nyon nach Crassier-La Rippe(–Divonne-les-Bains) und die schmalspurige Bahn von St-Légier nach Châtel-St-Denis fielen dem damaligen Autobahnbau zum Opfer.
  • Bernbiet: Sowohl im Oberland (rechtsufrige Thunerseebahn, Meiringen–Aareschlucht, Spiezer Verbindungsbahn, Interlaken–Bönigen), als auch im Emmental (Huttwil–Eriswil, Sumiswald–Wasen) und am Jurafuss (Biel–Meinisberg, Niederbipp–Oensingen, Solothurn–Büren an der Aare) sowie von Zollikofen nach Unterzollikofen und von Laupen nach Gümmenen waren Streckeneinstellungen zu beobachten.
  • Innerschweiz: In der Gegend Zug–Rigi–Urnersee wurden überdurchschnittlich viele Bahnen stillgelegt (Zug–Baar, Baar–Thalacker, Nidfurren–Menzingen, Zug–Oberägeri, Zug–Schönegg, Rigi–Scheidegg-Bahn, Arth am See–Arth Goldau, Strassenbahn von Schwyz nach Brunnen, Brunnen–Morschach–Axenstein-Bahn, Strassenbahn Altdorf–Flüelen).
  • Zürcher Oberland: Die Einstellung von drei verschiedenen Bahngesellschaften (Wetzikon–Meilen, Uster–Oetwil und Ürikon–Bauma) führten zur Gründung der Verkehrsbetriebe Zürcher Oberland (VZO), heute Verkehrsbetriebe Zürichsee und Oberland.
Bei der heutigen Nutzung der eingestellten Linien schwingt der Wanderweg/Fussweg obenauf, doch ist die «Nichtnutzung» (als Brache) ebenfalls sehr häufig. Kurioserweise werden aufgelassene Tunnels oft zur Champignonzucht oder als Weinkeller genutzt - sicherlich nicht die schlechteste Möglichkeit!

 

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