Französische und schweizerische Städte im Vergleich
litra. Lob für ihre Verkehrspolitik erhält die Bundesstadt aus Frankreich: Ein Vergleich der drei Schweizer Städte Bern, Lausanne und Genf mit den drei französischen Städten Besançon, Grenoble und Toulouse fällt für Bern sehr vorteilhaft aus, da hier die meisten «umweltbewussten Bürger» und im Gegenzug am wenigsten «exklusive Automobilisten» anzutreffen sind.
Da bekanntlich der Prophet im eigenen Land nicht viel gilt, kommt ausländischen Untersuchungen über die Verkehrspolitik von Schweizer Städten ein ganz besonderer Stellenwert zu. Erfreulicherweise schneidet dabei die Stadt Bern in einer wissenschaftlichen Untersuchung aus Frankreich gut ab, da in dieser Stadt vergleichsweise überdurchschnittlich viele Leute die öffentlichen Verkehrsmittel benützen. Doch was sind die Gründe für eine solche sicher erfreulich einzustufende Entwicklung?
Wann wird auf Bahn, Tram und Bus umgestiegen? Eine gleichzeitig in drei französischen und in drei schweizerischen Städten unternommene Vergleichsstudie sollte ergründen, wie das Umsteigen vom Auto auf das öffentliche Verkehrsmittel gefördert werden kann. Analysiert wurde dabei stichprobenartig das Verkehrsverhalten vom Erwerbstätigen, die ein Auto zur Verfügung haben und zudem im Einzugsgebiet des öffentlichen Verkehrs wohnen. Diese Bevölkerungsgruppe hat somit (zumindest theoretisch) die Möglichkeit, die Wahl ihres Verkehrsmittels frei auszuüben.
Die Typologie der Verkehrsmittelbenützer Die Studie hat ergeben, dass sich vier charakteristische Typen von Verkehrsmittelbenützern unterscheiden lassen:
Typ 1: Die «exklusiven Automobilisten», die das öffentliche Verkehrsmittel nie benützen. Sie haben ein sehr negatives Bild vom öffentlichen Verkehr und lassen sich auch von einer hohen Angebotsqualität nicht beeinflussen. Ihre Einkaufsorte wählen sie ausschliesslich auf Grund der Zugänglichkeit mit dem Auto. Nötigenfalls sind sie sogar bereit, am Arbeitsplatz eine hohe Parkplatzgebühr zu entrichten. Meist befindet sich aber ihr Arbeitsplatz ausserhalb des Stadtzentrums; genügend Parkplätze stehen also oft zur Verfügung.
Typ 2: Die «umweltbewussten Bürger» haben ein positives Bild vom öffentlichen Verkehr. Aus Umweltschutzgründen benützen sie das Auto eher selten und den öffentlichen Verkehr sowie den «Langsamverkehr» (Velo und zu Fuss) so oft wie möglich. Sie reagieren aber äusserst sensibel auf Angebotsverschlechterungen im öffentlichen Verkehr.
Typ 3: Die «verhinderten Automobilisten», welche die öffentlichen Verkehrsmittel nur aus dem Grund benützen, weil die mangelnden Parkiermöglichkeiten sie dazu zwingen, beispielsweise weil sich ihr Arbeitsplatz mitten im Stadtzentrum befindet.
Typ 4: Die «angebotsorientierten Benützer», welche die Leistungen der verschiedenen Transportmöglichkeiten vergleichen und dann die beste davon auswählen. Diese Benützer können als „rationelle" Benützer im wirtschaftlichen Sinn bezeichnet werden.
Die charakteristischen Typen von Verkehrsmittelbenützern
| | Charakteristische Typen | Besançon | Grenoble | Toulouse | Bern | Genf | Lausanne | | Typ 1 | exklusive Automobilisten | 34 % | 30 % | 36 % | 5 % | 21 % | 20 % | | Typ 2 | umweltbewusste Bürger | 3 % | 3 % | 2 % | 14 % | 7 % | 5 % | | Typ 3 | verhinderte Automobilisten | 30 % | 30 % | 36 % | 32 % | 34 % | 38 % | | Typ 4 | angebotsorientierte Benützer | 21 % | 27 % | 16 % | 40 % | 29 % | 26 % | | übrige | (fehlende Angaben) | 12 % | 11 % | 10 % | 9 % | 9 % | 11 % | Quelle: Les citadins face à l’automobilité, UTP Paris, 1996
Das Fazit: Am wenigsten «exklusive Automobilisten» (Typ 1) weist Bern (5 %) sowie Lausanne und Genf (20 bzw. 21 %) auf, während die drei französischen Städte Besançon, Grenoble und Toulouse auf rund einen Drittel der Verkehrsteilnehmer kommen. Auch bei den «umweltbewussten Bürgern» (Typ 2) schneidet Bern mit 14 % am besten ab. Dabei mag das in der deutschen Schweiz stärker verankerte Umweltbewusstsein mitspielen. Anderseits kann das Netz des öffentlichen Verkehrs in der Bundesstadt als gut ausgebaut bezeichnet werden. Dagegen sind Parkplätze für Arbeitsplätze in der Berner Innenstadt Mangelware. Als «angebotsorientierte Benützer» (Typ 4) schliesslich bezeichnen sich in Bern 40 % der Befragten. Umgekehrt bedeutet dies aber auch, dass je nach Stadt 60 bis 84 % der Verkehrsmittelbenützer ihre Wahl nicht rationell begründen können, sondern oft Gewohnheit und Bequemlichkeit den Ausschlag geben.
Union des Transports Publics, Paris (Hrsg.): Les citadins face à l’automobilité. Paris 1996, 165 Seiten. Erhältlich bei UTP, 5-7 rue d’Aumale, F-75009 Paris. Die Publikation kann leihweise bezogen werden bei der Infothek SBB, Mittelstr. 43, 3000 Bern 65, Telefon 0512/20 22 12, Telefax 0512/20 40 99, email: infothek@sbb.ch |
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