Die Delphi-Befragung zum Verkehr – weitergehende Ergebnisse
litra. Eher pragmatische Ergebnisse hat eine kürzlich durchgeführte Delphi-Umfrage zum Thema «Zukunft des Verkehrs in der Schweiz» geliefert; so erwarten die befragten Expertinnen und Experten unter anderem ein weiterhin ungebrochenes Bedürfnis nach möglichst uneingeschränkter Mobilität. Anderseits wird der Swissmetro keine grossen Realisierungschancen eingeräumt.
Schon immer war es ein Wunsch der Menschen, einen Blick in die Zukunft werfen zu können. Dies nicht nur aus purer Neugier, sondern auch aus dem Bedürfnis heraus, Vorkehrungen zur Vermeidung unerwünschter Entwicklungen treffen zu können. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage unserer Verkehrsexperten wirft nun einen Blick in die Zukunft des Verkehrs in der Schweiz. Rund 100 Expertinnen und Experten äusserten sich in einer Delphi-Umfrage (siehe Kasten) zu den von ihnen bis ins Jahr 2020 erwarteten Entwicklungen im Verkehrsbereich. Dabei geht es nicht um eine Schau in die Zukunft wie in einem Orakelspruch oder einer Weissagung, sondern um das Sammeln von Zukunftserwartungen, wie sie Fachleute aus dem Verkehrsbereich heute hegen. Diese Vorausschau äussert sich allerdings nicht dazu, was sein soll. Vielmehr soll gezeigt werden, was sein könnte. Dabei sollen auch Grundlagen für die Festlegung einer zukünftigen Verkehrspolitik geliefert werden. Keine radikale Trendumkehr zu erwarten Wenn die Ergebnisse der Delphi-Umfrage «Zukunft des Verkehrs in der Schweiz» aus der Sicht einer nachhaltigen Verkehrspolitik beurteilt werden, so ist festzustellen, dass die Delphi-Umfrage keine Hinweise auf eine zu erwartende radikale Trendumkehr (in Richtung Nachhaltigkeit) oder auf völlig neue Aspekte im Verkehrswesen geliefert hat. Im Jahr 2020 wird das Bedürfnis der Menschen nach möglichst uneingeschränkter Mobilität ungebrochen sein. Sowohl der Personenverkehr wie auch insbesondere der Güterverkehr werden auf allen Verkehrsträgern weiter zugenommen haben. Die grösste Zunahme wird aber im Luftverkehr (und zwar sowohl im Passagier- wie im Güterverkehr) stattgefunden haben. Vermehrte Verkehrsverlagerung auf den öffentliche Verkehr Nach Meinung der Teilnehmer an der Delphi-Umfrage werden aber die schon heute eingeleiteten Anstrengungen zur Verlagerung des motorisierten Individualverkehrs auf den öffentliche Verkehr und des Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene Früchte tragen. Im Personenverkehr wird der Anteil von Bus und Bahn zulasten des Individualverkehrs leicht höher sein. Auch der Schienengüterverkehr wird sich zulasten des Strassengüterverkehrs erhöht haben. Dagegen rechnen die Experten nicht damit, dass die schädlichen Auswirkungen des Verkehrs auf die Umwelt bis im Jahr 2020 gegenüber heute stark reduziert werden können. So wird der Verkehrslärm weiterhin ein grosses Problem sein. Einzig der Energieverbrauch des Verkehrssektors wird dank sparsamerer Antriebssysteme trotz Verkehrszunahme nicht höher sein als heute. Kaum Fortschritte bei der Verkehrssicherheit Ein grosser Handlungsbedarf wird weiterhin bei der Verkehrssicherheit bestehen, denn die Experten gehen davon aus, dass ohne weitere Anstrengungen bei keinem der Verkehrsträger bis im Jahr 2020 ein deutlicher Fortschritt erzielt werden kann. Der Verkehr wird bis in 20 Jahren (in realen Preisen) teurer als heute sein; die Finanzierung wird voraussichtlich besser dem Verursacherprinzip entsprechen. In Koordination mit der Europäischen Union dürften dann zumal 50 bis 60 % der bekannten externen Kosten internalisiert sein. Dabei wird angenommen, dass Steuern und Versicherungskosten fahrleistungsabhängig erhoben werden. Mit der Einführung einer koordinierten Finanzierung des Gesamtverkehrs wird mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit die heutige Zweckbindung von Verkehrsabgaben gelockert werden. Vermehrt neue Mobilitätsangebote Nach Einschätzung der Experten werden neue Mobilitätsangebote wie Car-Sharing verbreitet zur Verfügung stehen. Weniger wahrscheinlich dürfte aber eine flächendeckende Einrichtung von sogenannten Mobilitätszentralen (für die Beratung in Bezug auf die zweckmassigsten Verkehrsmittel für eine bestimmte Fahrt) sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Swissmetro bis 2020 ganz oder teilweise eingeführt ist, wird als gering beurteilt. Auch wird sie dann kaum noch ein verkehrspolitisches Thema sein und die ihr zugrundeliegende Technologie wird kaum noch mit grossem Einsatz weiterverfolgt. Allgemein wird erwartet, dass der Wunsch nach möglichst uneingeschränkter Mobilität ungebrochen sein wird und in allen Verkehrsbereichen bis 2020 mit weiteren Zunahmen zu rechnen ist, allen voran im Luft- und Güterverkehr. Trotz Verkehrsverlagerung auf den öffentlichen Verkehr werden die heutigen Verkehrsprobleme wie Stau, Umweltbelastung und Unfälle auch in 20 Jahren weiterhin einer Lösung harren. Obwohl weit verbreitet, werden Telematikanwendungen und die heute diskutierten Mobilitätsmanagement- Konzepte nach Ansicht der Expertinnen und Experten kaum in der Lage sein, massgeblich zu einer Linderung dieser Verkehrsprobleme beizutragen.. Es bedarf also weiterhin grosser Anstrengungen, um dem Ziel eines nachhaltigen Verkehrs näher zu kommen. Dabei dürften sich marktwirtschaftliche Instrumente wie z.B. die Internalisierung externer Kosten erfolgsversprechender erweisen als Verbote oder Kontingentierungen.
Kasten
Erwähnenswerte Ergebnisse der Studie litra. Aus der Sicht der Forschungsstelle sind neben den bereit erwähnten Ergebnissen auch folgende, zum Teil nicht unbedingt den Erwartungen entsprechende Fakten erwähnenswert: Der Trend zur flächigen Ausbreitung der Besiedlung (Zersiedlung) und der Bau weiterer Konsum- und Freizeitangebote auf der «grünen Wiese» wird nach Ansicht der Experten weitergehen. Das Risiko von kriminellen Übergriffen im öffentlichen Verkehr und von Transportdiebstählen wird im Jahr 2020 aktueller sein als heute. Als Strategie zur Vermeidung von Engpässen im Strassenverkehr stehen Verkehrslenkungen und Road Pricing im Vordergrund, und zwar deutlich vor einem Ausbau des Strassennetzes. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Swissmetro bis 2020 ganz oder teilweise gebaut ist, wird als gering eingestuft; sie dürfte auch kaum noch mit grosser Energie weiterverfolgt werden. Der Betrieb im Schienenverkehr wird gegenüber heute einen wesentlich höheren Grad an Liberalisierung und Privatisierung erreicht haben. Die Verkehrstelematik wird im Jahr 2020 mit grosser Wahrscheinlichkeit verbreitet Anwendung finden. «Automatische Autobahnen» werden aber wahrscheinlich weiterhin eine Utopie bleiben. Der Energieverbrauch eines «typischen» Personenwagens im Jahr 2020 wird wohl zwischen drei und acht Litern Benzin pro 100 km liegen. Im Güterverkehr werden die mittleren Transportdistanzen noch weiter zunehmen. Das Angebot an Car- und Busreisen wird relativ stark zunehmen.
Delphi-Umfrage «Zukunft des Verkehrs in der Schweiz» Forschungsauftrag Nr. 45/97, GVF-Auftrag Nr. 321 auf Antrag der Vereinigung Schweizerischer Verkehrsingenieure. Bezugsquelle: EDMZ, 3000 Bern, Fax 031/992 00 23 (Bestellnummer 308.201). Die Studie kann leihweise bezogen werden bei der Infothek SBB, Mittelstr. 43, 3000 Bern 65, eMail: Infothek@sbb.ch
Das Wesen einer Delphi-Umfrage litra. Die Delphi-Methode ist eine Sonderform der Expertenbefragung und dient dazu, breit abgestützte Einschätzungen künftiger Entwicklungen zu erhalten. Sie wurde anfangs der fünfziger Jahre in den USA entwickelt. Auch wenn sich damals die Entwickler der Methode bei der Namensgebung an das berühmte griechische Orakel erinnert haben mögen, hat die Methode nichts mit Wahrsagung zu tun. Vielmehr soll das in den Expertenköpfen vorhandene «versteckte» Wissen für eine systematische Vorausschau zusammengetragen werden. Eine Anzahl von Fachleuten (bei der beschriebenen Studie zur Zukunft des Verkehrs in der Schweiz waren dies rund hundert) wird gebeten, einen Fragebogen zum interessierenden Thema auszufüllen. Diese Ergebnisse werden sodann zusammengefasst und der Fragebogen nochmals in einer zweiten, eventuell dritten und vierten Runde vorgelegt (in der erwähnten Studie wurden drei Befragungsrunden durchgeführt und jedes mal über 300 Fragen gestellt). So kann jeder Teilnehmende seine eigene Meinung unter dem Einfluss der zusammengefassten und somit anonymen Ansichten der anderen Fachleute ein weiteres Mal bilden. Er kann dabei die Meinung ändern oder bei seiner ursprünglichen Meinung bleiben. Mit jeder Runde verdichtet sich das Ergebnis. Die Delphi-Methode eignet sich insbesondere für Fragestellungen zu Sachverhalten, über die naturgemäss unsicheres und unvollständiges Wissen existiert, bei denen es die «richtige» Antwort also nicht gibt.
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