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Was wir bezogen auf autonome Fahrzeuge zuerst fragen müssen - wie sollen unsere Städte, wie soll unser Land aussehen?

16|11|17|litra. Die LITRA publiziert ab heute in regelmässigen Abständen Blogbeiträge zu aktuellen Mobilitätsthemen. Redaktoren von Hochschulen und Branchenorganisationen äussern sich in ihren Blogs zu Mobilitätstrends, Technologien, Vergleichen mit dem Ausland und den Herausforderungen im Verkehrssystem der Schweiz. Den Anfang macht Christian Marti, Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme der ETH Zürich mit seinem Beitrag  «Was wir bezogen auf autonome Fahrzeuge zuerst fragen müssen -  wie sollen unsere Städte, wie soll unser Land aussehen?». Darin zeigt er auf, welche Wechselwirkungen zwischen Raumentwicklung und Verkehrssystemen bestehen und wie autonome Fahrzeuge Ziele der Raumentwicklung unterstützen können.

Autor: Christian Marti


Autonome Fahrzeuge werden unser Verkehrssystem grundlegend verändern. In der öffentlichen Debatte dominieren Themen wie Sicherheit und technologische Machbarkeit, während die Auswirkungen auf die Raumentwicklung häufig zu kurz kommen. Unsere heutige gebaute Umwelt wurde massgeblich durch die Eisenbahn und das Automobil geformt – autonome Fahrzeuge dürften ähnlich tiefgreifende Wirkungen entfalten. Es bietet sich darum heute die Chance, das zukünftige Antlitz unserer Städte und unseres Landes aktiv mitzugestalten. Dazu muss ein Rahmen geschaffen werden, in dem sich das neue Verkehrssystem autonome Fahrzeuge entfalten kann, ohne unerwünschte Wirkungen auf die Raumentwicklung zu erzielen. Sonst geht eine grosse Chance verloren und uns droht die nächste Welle von Suburbanisierung und Zersiedelung.

Autonome Fahrzeuge: Wo bleibt die Raumentwicklung?
In der öffentlichen Debatte um autonome Fahrzeuge dominieren Sicherheit, technische Machbarkeit, rechtliche Anforderungen, Akzeptanz, Datensicherheit, ethische Fragen, notwendige Infrastrukturanpassungen und Geschäftsmodelle. In all diesen Bereichen bestehen grosse Unsicherheiten, welche zu untersuchen sich lohnt. Ein zentrales Thema droht dabei aber unterzugehen: Die Wechselwirkungen zwischen autonomen Fahrzeugen und der Raumentwicklung.

Verkehrssysteme und Raumentwicklung
Verkehrssysteme und RaumentwicklungVerkehrssysteme beeinflussen über die generalisierten Kosten des Reisens1 die Erreichbarkeit eines Gebiets, d.h. die Summe der Möglichkeiten wie Arbeitsplätze oder soziale Kontakte, welche mit einem bestimmten Aufwand erreicht werden können. Die Erreichbarkeit wiederum ist zentral für die soziale und wirtschaftliche Attraktivität eines Gebiets und damit für dessen künftige Entwicklung [1]. Daher prägt die Verteilung der Erreichbarkeit im Raum die Verteilung von Aktivitäten. Und diese wiederum bestimmt die Verkehrsflüsse – und damit die Reisezeiten, da Verkehrssysteme eine beschränkte Kapazität aufweisen. Die Wechselwirkungen dieses Kreislaufs entfalten sich langsam, die Resultate prägen unsere gebaute Umwelt aber auf Jahrzehnte hinaus; so wurden etwa unsere heutigen Siedlungsstrukturen massgeblich durch Eisenbahn und Automobil geformt.

Wirkungen autonomer Fahrzeuge auf die Raumentwicklung
Autonome Fahrzeuge verändern die generalisierten Kosten des Strassenverkehrs gegenüber heute. Da während der Fahrt andere Tätigkeiten ausgeübt werden können, sinken die Zeitkosten. Der Preis sinkt mindestens im Vergleich zu heutigen Taxis und vergleichbaren Dienstleistungen [2]. Und da autonome Fahrzeuge in geringerem Abstand verkehren können, steigt die Strassenkapazität. Dadurch sinkt die Reisezeit dort, wo heute Überlastungen auftreten. Gleichzeitig erhöht sich die Nachfrage: Kapazitätsgewinne führen zu induziertem Verkehr, Leerfahrten treten hinzu und der Strassenverkehr wird attraktiver, wodurch sich sein Modal Split erhöht. Dies erhöht die Auslastung des Strassennetzes und führt damit auf stark belasteten Netzabschnitten zu höheren Reisezeiten. Diese Veränderungen der generalisierten Kosten im Strassenverkehr wirken auf die Erreichbarkeit – allerdings nicht überall gleich: wo die höhere Nachfrage die Kapazitätsgewinne übersteigt, kann die Erreichbarkeit abnehmen, während sie andernorts zunimmt.

Die konkreten Auswirkungen hängen von einem komplexen Geflecht aus Wechselwirkungen mit zahlreichen heute noch unbekannten Parametern ab. Modellrechnungen für die Schweiz [1] zeigen allerdings einen Trend, welcher für die meisten Szenarien gilt: Erreichbarkeitsgewinne in heute gut erschlossenen ländlichen Gemeinden des Mittellandes und des Tessins, Erreichbarkeitsverluste in den Zentren und Agglomerationen. Dies würde bedeuten, dass Aktivitäten sich stärker in die Fläche verschieben – Suburbanisierung und Zersiedelung. Eine solche Entwicklung widerspricht Volksentscheiden der letzten Jahre, welche darauf abzielen, Kulturland zu schützen und unsere Siedlungen innerhalb des Perimeters bereits überbauter Gebiete weiterzuentwickeln.

Gleichzeitig bieten autonome Fahrzeuge grosse Chancen, Raumentwicklungsziele zu unterstützen, insbesondere eine dezentrale Konzentration von Siedlungen und den wesensgerechten Einsatz von Verkehrsmitteln. Besonders wirksam ist ein öV-Angebot, das auf nachfragestarke Verbindungen mit hoher Transportkapazität fokussiert in Verbindung mit geteilt genutzten und auf bestimmte Marktgebiete beschränkte Flotten autonomer Fahrzeuge [2]. Kapazitätsgewinne auf der Strasse und wegfallende Parkplätze wiederum lassen auch städtebaulichen Spielraum zu, wie etwa den Rückbau von Infrastrukturen oder die Umwidmung eines Teils der riesigen Flächen öffentlichen Raums, welche heute dem Automobil zugeordnet sind.

Den Rahmen abstecken, bevor es zu spät ist
Unabhängig von ihrer konkreten Ausgestaltung werden autonome Fahrzeuge unser Verkehrssystem grundlegend verändern. Aufgrund des grossen Einflusses des Verkehrssystems auf die Raumentwicklung haben wir daher die Möglichkeit, über den Rahmen, welchen wir autonomen Fahrzeugen stecken, das künftige Antlitz unseres Landes und unserer Städte aktiv zu gestalten.

Dieser Rahmen muss gleichzeitig grösstmögliche Freiheit für Experimente mit autonomen Fahrzeugen gewähren, gleichzeitig aber sicherstellen, dass die gewünschte räumliche Entwicklung durch das neue Verkehrssystem unterstützt wird. Welche Einsatzbereiche für autonome Fahrzeuge sollen wir zulassen und fördern, welche Anreizmechanismen ausarbeiten und testen? Diese und viele weitere Fragen gilt es mit explizitem Bezug zur Raumentwicklung zu bearbeiten. Heute besteht dazu grosser Spielraum. Wenn wir hingegen nichts tun und zuwarten, bis sämtliche offenen Fragen aufgrund empirischer Erfahrungen beantwortet sind, wird es für diese Art von Einflussnahme reichlich spät sein. Und wir riskieren eine nächste grosse Welle von Suburbanisierung und Zersiedelung.
 
1 Die generalisierten Kosten einer Reise bestehen aus den monetären Kosten und dem nichtmonetären (riskio- und komfortgewichteten) Zeitaufand, welche ein Individuum für die Reise aufwendet.

Quellen
[1] Meyer, J., H. Becker, P.M. Bösch, und K.W. Axhausen (2017) Autonomous vehicles: The next jump in accessibilities?, Research in Transportation Economics, 62, 80-91.
[2] Bösch, P.M., F. Becker, H. Becker und K.W. Axhausen (2017) Cost-based analysis of autonomous mobility services, Transport Policy (in press, 2017).




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