Boom bei den Velostationen
litra. (30.12.2008) An vielen Bahnstationen stehen Güterschuppen, die ihre ursprüngliche Aufgabe verloren haben und besser genutzt werden könnten. Wegen der Auslagerung des Stückguts (später als Cargo Domizil bezeichnet) benötigen die Schweizer Bahnen vielerorts keine Lagerräumlichkeiten mehr. Als ideale Neunutzung bietet sich an bestimmten Standorten die Einrichtung von Velostationen an. Hier können die Velos diebstahlsicher in Verwahrung gegeben werden.
Den Anfang machten Aarau, Langenthal und Uster, die seit 1994/1995 bewachte Abstellanlagen für Velos an den Bahnhöfen in Betrieb genommen haben. Nun sind bereits 20 Velostationen hinzugekommen; weitere sind in Freiburg, Genf, Morges, Yverdon und Zürich Stadelhofen geplant. Die Velostation in Liestal soll im Frühjahr 2009 mit rund 200 witterungsgeschützten Stellplätzen eröffnet und vom «JobClub», einer gemeinnützigen Organisation, betrieben werden. Mit der Eröffnung einer dritten Velostation zum Beispiel im Bahnhof Bern konnte der prekäre Mangel an Veloabstellplätzen rund um den Bahnhof etwas gemildert werden. Zudem konnte damit ein wichtiges Element des neuen Bahnhofkonzepts verwirklicht werden, das bis zum Jahr 2010 insgesamt 1500 bewachte Veloabstellplätze in unmittelbarerer Bahnhofnähe vorsieht.
Wie Untersuchungen im «Veloland» Holland gezeigt haben, lassen sich selbst mit ausgeklügelten abschliessbaren Parksystemen Vandalenakte nie ganz verhindern. So setzen die Niederländischen Bahnen (Nederlandse Spoorwegen N.V.) konsequent auf bewachte Velostationen, die allerdings nicht nur als Veloeinstellraum dienen. Hier können ebenfalls im ganzen Land zu günstigen Bedingungen Velos gemietet, kleinere Reparaturen in Auftrag gegeben oder gar günstig Second-Hand-Velos gekauft werden. Da die Öffnungszeiten der Billett- und Gepäckschalter wegen des Kostendrucks ständig reduziert werden, wandern in Holland auch andere Funktionen (Einstellen von Gepäck beispielsweise) an die vom ersten bis zum letzten Zug offen gehaltenen Velostationen.
Die notwendige lange Präsenzzeit (mit «Hochbetrieb» während den Pendlerzeiten) lässt sich nur mit einem grossen Personalaufwand erreichen. So sind viele Velostationen während rund 20 Stunden pro Tag geöffnet, und dies auch am Wochenende. Wegen der zentralen Lage der Bahnhöfe ist zuweilen auch eine hohe Raummiete zu entrichten – die Bahnen haben schliesslich vor einigen Jahren entdeckt, welche «Goldgruben» in ihren Räumlichkeiten an zentralster Lage stecken! Mit Beschäftigungsprogrammen für Arbeitslose oder für Ausgesteuerte lassen sich oft derartige Velostationen effizient betreiben.
Das Beispiel Burgdorf... Täglich fahren rund 1000 Personen mit dem Velo zum Bahnhof Burgdorf. 59 Prozent davon sind bereit, für die diebstahlsichere Aufbewahrung ihres Stahlrosses einen Obolus zu entrichten. Die vormalige IG Velo Burgdorf (heute: Pro Velo Emmental) konnte innert kurzer Zeit in Zusammenarbeit mit der Regionalen Arbeitsvermittlungsstelle und den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) eine Velostation im leer stehenden Güterschuppen mit rund 200 Veloabstellplätzen bereitstellen. Gut ein Dutzend ausgesteuerte Langzeit-Arbeitslose erhalten während den Öffnungszeiten die Möglichkeit, einer sinnvollen Tätigkeit im Kontakt mit dem Publikum nachzugehen. Die Ausgesteuerten werden somit wieder in den Arbeitsprozess integriert und zu ganz normalen Lohnempfängern mit Arbeitsverträgen. Als kleine (bezahlte) Dienstleistungen werden Veloreinigungen oder die Kontrolle des Luftdrucks angeboten; ebenfalls wird auf Wunsch das Licht kontrolliert und nötigenfalls wieder in Stand gesetzt. Die Velostation Burgdorf vermietet zudem Velos und Flyer – alles Dienstleistungen, die auf ein grosses Interesse stossen.
Gut entwickelt hat sich auch der Hauslieferdienst. So werden zurzeit bis zu 2500 Einkäufe pro Monat gratis nach Hause geliefert, rund viermal soviel wie noch Ende 2000. Den rund 50 angeschlossenen Geschäften wird ein Jahresbeitrag verrechnet, während die Grossverteiler Migros und Coop einen fixen Betrag pro Lieferung entrichten. Unter dem Namen «Pro Senum» hilft die Velostation Burgdorf schliesslich auch zu einem Einheitstarif bei der Planung, Organisation und Durchführung von Umzügen und Räumungen – ein Angebot, das sich insbesondere an ältere, allein stehende und weniger bemittelte Personen richtet.
... und Interlaken West Ähnlich erfolgt die Betreuung der Velos im Bahnhof Interlaken West: Hier bewachen auf Anregung des Polizeiinspektorats Interlaken Arbeitslose die Velos täglich von 5.15 bis 0.30 Uhr, also praktisch vom ersten bis zum letzten Zug. Die Werkstätte Bödeli des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH) hat für rund 15’000 Franken den Umbau im Erdgeschoss vorgenommen; seit dem Frühjahr 1997 sind insgesamt zehn arbeitslose Frauen und Männer eingesetzt. Neben regelmässigen Kontrollgängen in den Räumlichkeiten und auf dem ganzen Bahnhofareal werden aber auch Fahrräder gereinigt und Lichtkabel oder Glühbirnen ersetzt. Mit klaren Absprachen wurde gesorgt, dass die lokalen Velohändler damit nicht konkurrenziert werden.
Kästen
Die SNCF definiert ein Angebot für das Veloparking litra. Im Rahmen einer Studie sammelt die französische Staatsbahn SNCF Informationen und Erfahrungen zu den besten Angeboten im Bereich Bahn und Velo in Europa, darunter auch aus der Schweiz. Dazu wertet sie Literatur und Internetseiten aus und besucht anschliessend Angebote und Anbieter vor Ort. Diese Studie ist ein Gemeinschaftsauftrag des französischen Umweltministeriums und der Velofachstelle der SNCF. In Frankreich gibt es heute erst in Grenoble, Chambéry, Versailles, Mulhouse und Metz eine Velostation am Bahnhof oder in dessen Nähe. Die SNCF möchte an den grösseren Bahnhöfen des Landes Platz für eine Velostation finden und ist auch bereit, Velostationen mit einer Tochterfirma zu betreiben. Für die Regionen, die in Frankreich für den Zugsbetrieb zuständig sind, will die SNCF Velolösungen anbieten. Dieses umfasst Know-how und Produkte für Velounterstände, automatische Abstellanlagen und Veloabteile in Regionalzügen.
Eine dritte Velostation im Berner Bahnhof litra. Bereits seit Februar 2000 ist die bewachte Velostation «Schanzenbrücke» am oberen Ende der Schanzenbrücke mit 140 Plätzen geöffnet, die vor allem jenen Velofahrenden dient, welche entweder im Länggassquartier wohnen oder dort arbeiten. Im April 2003 konnte sodann im Rahmen des Bahnhofumbaus eine zweite bewachte und betreute Velostation im ehemaligen Raum der Gepäckaufgabe am Bollwerk eröffnet worden. Insgesamt 220 bewachte Abstellplätze stehen hier zur Verfügung. Das Angebot umfasst auch Schliessfächer (grosse zum Aufhängen von Regenkleidern, kleine für den Velohelm) und einen Reparaturservice (Reinigung, Pneuwechsel/Schlauchreparaturen, Licht). Die Velostation «Milchgässli» mit derzeit 418 Plätzen konnte schliesslich Mitte Mai 2007 eröffnet werden; mit einer dritten Abstellebene konnte inzwischen Platz für insgesamt über 500 Velos bereitgestellt werden. Später soll bei den Perronzugängen von der Schanzenbrücke her (bei der «Welle») eine Velostation «West» mit rund 800 Plätzen eröffnet werden. Schliesslich wurden auf der Perronplatte (Parkplatz über den Geleisen) noch rund 100 Abstellplätze für Roller und Elektromobile markiert.
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