11. 08. 2026

Wenn der öV mit zum Event gehört

Musikfestivals, Volksläufe oder Messen sind Publikumsmagnete. Zu solchen Grossanlässen reist heute im Durchschnitt rund ein Viertel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem öV an. Dieser Anteil lässt sich deutlich erhöhen, wenn An- und Abreise mit Bahn, Bus, Tram oder Schiff ganz oder teilweise im Preis des Eventtickets enthalten sind. Das zeigt eine Diplomarbeit, die an der Höheren Fachschule für Tourismus (IST AG) in Zürich entstanden ist.

Mit dem öV zum Grossanlass: Integrierte Anreisetickets können den Anteil der Gäste, die mit Bahn, Bus, Tram oder Schiff anreisen, deutlich erhöhen. © RailAway AG

Von Benedikt Vogel, freischaffender Autor

Das US-Musikerduo Twenty One Pilots, die schwedische Popsängerin Zara Larsson oder der deutsche Liveact-Produzent Paul Kalkbrenner – mit diesen und weiteren Attraktionen ging Ende Juni das OpenAir St. Gallen über die Bühne. An den vier Festivaltagen strömten 105'000 Open-Air-Fans nach St. Gallen, wenn man die verkauften Tageseintritte zugrunde legt. Vier von fünf Gästen reisten mit dem öffentlichen Verkehr an. Bei der Buchung des Festivaltickets erhielten sie einen SBB-Code, mit dem sie ein Gratisbillett für die An- und Abreise lösen konnten.

Die Nutzung des landesweiten öV ist seit 2024 im OpenAir-Ticket inbegriffen. Die Festivalveranstalter haben die öV-Anreise aber davor schon finanziell unterstützt. «Nachhaltigkeit gehört zur DNA unseres Festivals. Der Transport beeinflusst den ökologischen Fussabdruck massgeblich, daher unterstützen wir seit langem die Anreise mit dem öV», sagt Pascal Frei.

Pascal Frei ist Head of CSR (Corporate Social Responsibility) der Gadget Entertainment Group AG, die das OpenAir St. Gallen veranstaltet. Die Firma finanziert die öV-Anreise der Festivalgäste überwiegend und hat dafür in diesem Jahr einen sechsstelligen Betrag ausgelegt. Im Jahr 2004, als nur der St. Galler Nahverkehr im Ticketpreis enthalten war, reisten 43 Prozent der Gäste mit dem öV an.

Nachdem 2014 alle Fahrten aus der ganzen Schweiz mit 50 Prozent Rabatt auf den öV-Fahrausweis gefördert wurden, stieg der Anteil auf 72 Prozent. Seit der landesweite öV mit dem Festivalticket kostenlos ist, sind es gut 80 Prozent. «Dank der hohen Nutzung konnten wir die Zahl der Parkplätze verringern», sagt Deborah von Büren, Sustainability Manager bei der Gadget Entertainment Group.

Rund vier von fünf Musikfans fuhren 2026 mit dem öffentlichen Verkehr zum OpenAir St. Gallen. © Julius Hatt

Verschiedene Spielarten der Integration

Das OpenAir St. Gallen ist eines von mehreren Beispielen für die Integration des öV in Eventtickets, die Janine Rosenast in ihrer Diplomarbeit an der Höheren Fachschule für Tourismus (IST AG, Zürich) untersucht hat. Rosenast arbeitet als Leiterin Sekretariat und Events bei der LITRA.

Die dreijährige Weiterbildung zur diplomierten Tourismusfachfrau HF an der IST AG hat sie berufsbegleitend absolviert. «Das Beispiel des OpenAir St. Gallen ist interessant, weil es heute noch nicht sehr üblich ist, dass die Nutzung des schweizweiten öV in einem Eventticket enthalten ist», sagt Rosenast. «Zwar ist der Preis für die Wahl des Verkehrsmittels nicht das einzige Kriterium, aber die Integration des öV ins Festivalticket ist ein vielversprechender Ansatz, um Besucherinnen und Besucher von Festivals auf den öV zu bringen.»

Das integrierte Ticketing gibt es in verschiedenen Spielarten. Der Einbezug des gesamten GA-Streckennetzes ins Eventticket – «nationale Vollintegration» – wie beim OpenAir St. Gallen oder bei Laufveranstaltungen wie dem Grand-Prix Bern ist die weitestgehende Form. Daneben gibt es die «regionale Vollintegration»: So ist seit 2023 bei allen Konzerten in der Dübendorfer Eventlocation THE HALL die Nutzung aller Zonen des Zürcher Verkehrsverbunds inkludiert. Der Anteil der öV-Anreisen lag 2025 bei respektablen 68 Prozent.

Eine weitere Form ist der «Mobilitätsbeitrag». Hier ermöglicht der Veranstalter den Besucherinnen und Besuchern den Bezug einer rabattierten öV-Anreise an seine Veranstaltung und übernimmt die Kosten für den Rabatt. Beim Lucerne Festival sind es beispielsweise 50 Prozent des öV-Tickets, beim Stars in Town Festival in Schaffhausen pauschal fünf Franken. Verbreitet sind ferner Eintrittsermässigungen für Gäste, die mit dem öV anreisen, wie sie beispielsweise von Messe-Veranstaltern gewährt werden.

Shuttlebusse bringen Besucherinnen und Besucher zum Festivalgelände des OpenAir St. Gallen. © Michael Dornbierer

Festivalgäste sind zahlungsbereit

Die Einführung von Eventtickets mit integriertem öV erfordert einen erheblichen Koordinationsaufwand. Veranstalter und Transportunternehmen müssen für die Angebote eng zusammenarbeiten. Letztere stehen vor der Aufgabe, passende Verkehrskonzepte zu erstellen und dabei Züge, Trams und Busse in hinreichender Zahl und zu den erforderlichen Zeiten bereitzustellen.

Die Hauptherausforderung aber liegt bei der Finanzierung. Enthält ein Eventticket An- und Abreise mit dem öffentlichen Verkehr, muss der Veranstalter diese Leistungen bei den Transportunternehmen einkaufen. Bei der Finanzierung stossen die Veranstalter mitunter an ihre Grenzen, zumal sie die Auslagen für den öffentlichen Verkehr nicht ohne weiteres auf die Ticketpreise umwälzen können.

Vor diesem Hintergrund regt Janine Rosenast an, die Kosten auf mehrere Schultern zu verteilen. Angesprochen sind die Transportunternehmen, die heute über Rabatte schon bis zu 20 Prozent der Kosten tragen. Angesprochen sind aber auch die Festivalgäste. Diese seien offen, einen Anteil der Kosten zu tragen, hat Rosenast mit einer – statistisch nicht repräsentativen – Social-Media-Umfrage ermittelt. Gut drei Fünftel von 200 Befragten erklärten sich bereit, 10 bis 15 Franken Aufpreis zu bezahlen, wenn der landesweite öV im Konzert- oder Festivalticket inkludiert ist.

Von 200 befragten Personen gaben 124 an, dass sie bereit wären, 10 bis 15 Franken mehr für ein Festivalticket zu bezahlen, wenn der landesweit öV mit inbegriffen ist. © Janine Rosenast

Integration bringt Umsteigeeffekt

Eine treibende Kraft für integrierte Ticketlösungen ist die RailAway AG. Die SBB-Tochter erarbeitet solche Angebote im Mandat der Alliance SwissPass, die die Zusammenarbeit der Schweizer öV-Unternehmen koordiniert. RailAway erstellt gemeinsam mit den Transportunternehmen pro Jahr massgeschneiderte öV-Verkehrskonzepte für rund 700 öffentliche Veranstaltungen mit mehr als 1’000 Teilnehmenden – vom Streetfood-Festival bis zum Skiweltcup-Rennen.

Bei rund 40 dieser Anlässe ist der nationale oder zumindest der regionale öV im Eventticket enthalten. Dazu gehörten zuletzt Grossanlässe wie der Grand-Prix Bern (34’813 integrierte Tickets) oder das Konzert der Toten Hosen im Stadion Letzigrund mit einer regionalen Vollintegration des Nahverkehrs in der Stadt Zürich (48'000 integrierte Tickets).

«Der Freizeitverkehr wird immer wichtiger. Mit integrierten öV-Tickets können wir den Modalanteil des öffentlichen Verkehrs bei Events um mindestens 15 bis 30 Prozent anheben», sagt Andreas Eggimann, Teamleiter Markt Events bei RailAway. Der Modalanteil des öV über alle Events hinweg liegt nach Auskunft von Eggimann heute bei durchschnittlich 28 Prozent, schwankt aber stark je nach Angebot und kann bei einzelnen Events bis 80 Prozent betragen.

«Wir haben somit noch ein grosses Potenzial, die Leute auf den öV zu lenken.» Um dieses Potenzial noch besser zu nutzen, erarbeitet RailAway gegenwärtig gemeinsam mit der öV-Branche neue Modelle für die integrierte Ticketlösung öV im Veranstaltungsbereich. «Die RailAway sieht aufgrund der Marktrückmeldungen, dass wir hier eine weitere Entwicklung brauchen», sagt Eggimann.

2024 reisten 3,9 Millionen Besucherinnen und Besucher mit dem öV zu Grossevents. Integrierte Ticketlösungen machen die Anreise besonders komfortabel, da kein separates öV-Ticket gelöst werden muss. © RailAway AG

Partnerschaftliche Lösungen

Im Herbst dieses Jahres will RailAway die neuen Vorschläge in der öV-Branche zur Diskussion stellen. Sie sollen nicht nur neue Formen der Partnerschaft mit Eventveranstaltern ermöglichen, sondern unter bestimmten Umständen auch eine höhere Beteiligung der öV-Branche von mehr als den bisher gewährten 20 Prozent ermöglichen.

Eggimann sieht aber auch die Veranstalter in der Pflicht. Sie sollten die Möglichkeit von kommerziellen Sponsoren und Behördenunterstützung konsequent ausschöpfen. Diese gemeinsame Anstrengung sei nötig, um den Eventverkehr zu einem massgeblichen Teil auf den nachhaltigen öV zu bringen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind integrierte Tickets laut Eggimannn das Mittel der Wahl: «Wir haben die Vision, mittel- bis langfristig bei jedem Eventticket den öV integriert zu haben.»

Janine Rosenast arbeitet als Leiterin Sekretariat und Events bei der LITRA und hat ihre Diplomarbeit an der Höheren Fachschule für Tourismus IST zum Thema integriertes Ticketing bei Events verfasst. © LITRA