27. 10. 2026
Prix LITRA 2026: Wie die Bahn Bremsscheiben und Räder optimal warten kann
Für Räder und Bremsscheiben von Bahnwaggons gelten strenge Vorschriften: Ist ein bestimmter Verschleiss erreicht, müssen sie ersetzt werden. Bei Fahrzeugrevisionen lässt sich mit einem ‘Werksgrenzmass’ die Restlaufleistung bis zum Ersatz dieser Komponenten steuern. Werden die Werksgrenzmasse klug festgelegt, lässt sich die Wirtschaftlichkeit von Instandhaltungsarbeiten verbessern. Das zeigt eine Studie, die mit dem Prix LITRA 2026 ausgezeichnet wurde.
Nikolett Seben wurde für ihre Bachelorarbeit zur Revision von Rädern und Bremsscheiben mit dem Prix LITRA 2026 ausgezeichnet. © LITRA
Von Benedikt Vogel, freischaffender Autor
Wer mit der Bahn fährt, vertraut auf ihre Sicherheit. Um einen zuverlässigen und sicheren Betrieb zu gewährleisten, werden Bahnwaggons regelmässig gewartet und strengen Prüfprotokollen unterworfen. Dazu dienen umfassende Revisionen, die typischerweise alle 1.2 bis 1.5 Millionen Kilometer stattfinden, ergänzt um weitere Inspektionen in engeren Abständen.
Das gilt auch für Radsätze. Der Radsatz eines Bahnwaggons besteht aus den beiden Rädern und der Welle, die sie verbindet. Hinzu kommen die Bremsscheiben und die Radsatzlager, welche den rotierenden Radsatz mit dem starren Waggon verbinden. Für alle diese Komponenten gibt es jeweils eigene Instandhaltungsvorgaben, Revisionsintervalle und Prüfvorgaben, welche die Sicherheit der Schienenfahrzeuge gewährleisten.
So bestehen Grenzwerte für den maximalen Verschleiss etwa eines Rades oder einer Bremsscheibe (‘Betriebsgrenzmasse’). Wird dieser Wert für den Raddurchmesser oder die Bremsscheibendicke bei einer Inspektion unterschritten, muss das Bauteil umgehend ersetzt werden.
Für die tägliche Arbeit der Instandhaltungstechniker ebenfalls wichtig sind die Werksgrenzmasse. Diese Grenzwerte werden während einer Revision in einem Werk der SBB herangezogen, um zu beurteilen, ob eine Komponente des Radsatzes noch genügend Verschleissreserve hat, um bis zur nächsten Revision betrieben werden zu können. Die Grenzwerte sollen sicherstellen, dass Bauteile wenn möglich nur während der ordentlichen Revisionen ausgetauscht werden müssen, nicht aber dazwischen, weil das betrieblich ungünstig ist.
In ihrer Bachelorarbeit hat Nikolett Seben unter anderem den ausserplanmässigen Ersatz von Radsätzen bei IC2000-Doppelstockwagen untersucht. © SBB
Instandhaltungsressourcen gezielter einsetzen
Die Werksgrenzmasse im Bereich der SBB-Instandhaltung stehen im Zentrum der Bachelorarbeit, die Nikolett Seben in diesem Jahr an der Berner Fachhochschule erfolgreich abgeschlossen hat und die Anfang Oktober mit dem Prix LITRA 2026 ausgezeichnet wurde.
In ihrer Arbeit hat die Maschinentechnikerin die Werksgrenzmasse für Räder und Bremsscheiben von SBB-Personenverkehrsfahrzeugen untersucht. «Mit meiner Studie habe ich aufgezeigt, wie diese Werksgrenzwerte so festgelegt werden können, dass die Aufwände für Ersatzkomponenten und Instandhaltungsarbeiten reduziert werden können», fasst Seben das Hauptergebnis ihrer Arbeit zusammen.
Wie das gelingt, lässt sich an einem Beispiel veranschaulichen, das Nikolett Seben in ihrer Arbeit untersucht hat: am Fernverkehrs-Doppelstockzug Dosto, von dem die SBB 62 Kompositionen im Einsatz hat. Die Bremsscheiben des FV-Dosto haben im Neuzustand 7 Millimeter Verschleissreserve. Ihr Werkgrenzmass beträgt 3.5 Millimeter. Das heisst: Wenn eine Bremsscheibe bei einer Revision noch mindestens 3.5 Millimeter dick ist, geht die SBB davon aus, dass die Bremsscheibe noch sicher bis zur nächsten ordentlichen Revision verwendet werden kann.
Nikolett Seben konnte nun auf Basis realer Verschleissdaten zeigen, dass der Grenzwert von 3.5 Millimeter grosszügig bemessen ist und auf 2.2 Millimeter abgesenkt werden könnte. «Mit dem neuen Grenzwert würde man erreichen, dass die Lebensdauer von Bremsscheiben besser ausgenutzt wird und die Bauteile nicht unnötig früh ausgemustert werden», sagt Seben.
Schematische Darstellung eines Laufradsatzes mit Vollrädern, Bremsscheiben, Radsatzwelle und Radsatzlagern. © Nikolett Seben
Suche nach dem wirtschaftlichen Optimum
Um das Thema ihrer Arbeit zu vertiefen, untersuchte Nikolett Seben beispielhaft auch die SBB-Flotten IC 2000 und ICN. Sie suchte nach den Gründen, die für ausserplanmässige Radsatz-Tausche bei den beiden Flotten verantwortlich sind. Ein wichtiger Grund war, dass die Bremsscheiben bei einer Inspektion so stark abgenutzt waren, dass sie nicht bis zur nächsten Revision weiter genutzt werden konnten und ersetzt werden mussten.
Dabei zeigte sich ein Dilemma: Entweder man nutzt die Komponenten bis ans Ende ihrer Lebensdauer – oder man zieht sie schon früher aus dem Verkehr und spart damit Instandhaltungskosten. «Welcher der beiden Wege wirtschaftlicher ist, hängt von vielen Faktoren ab und muss immer wieder neu entschieden werden», sagt Nikolett Seben.
Pro 100’000 Kilometer verlieren Bremsscheiben etwa 0,1 bis 0,3 Millimeter an Dicke. Das entspricht 1 bis 4 Prozent ihrer Verschleissreserve von 7 Millimetern. © Nikolett Seben
Ein wichtiges Ergebnis der Bachelorarbeit ist auch, dass es sehr viele empirische Messdaten braucht, damit man die Instandstellungsarbeiten möglichst effektiv organisieren kann. Die erforderlichen Daten zu erfassen ist nicht ganz einfach, denn allein die SBB nutzt über 50 unterschiedliche Radsätze.
Von allen Typen braucht es die nötigen Daten, um flottenspezifisch das Optimum zu erreichen und massgeschneiderte Instandhaltungsstrategien aufbauen zu können. Damit die entsprechende Arbeitsgrundlage vorhanden ist, müssten die Daten besser aufbereitet werden, empfiehlt Nikolett Seben.
Der Prix LITRA 2026: LITRA-Präsident Martin Candinas, Nikolett Seben (Preisträgerin), Bundesrätin Karin Keller-Sutter, Jakob Deutschel (Preisträger) und Nico Wyss (Preisträger). © LITRA
Nikolett Seben ist einer von drei Preisträgerinnen und Preisträger des Prix LITRA 2026. Sie ist in Ungarn aufgewachsen und machte dort die Matura. Im Zuge einer Ausbildung zur Tourismusfachfrau kam sie 2017 für ein Praktikum ins Berner Oberland. Die damals 22-jährige war zunächst in der Gastronomie tätig, bevor sie 2021 an der Berner Fachhochschule (BFH) ein Bachelorstudium in Maschinentechnik begann.
«Ich habe mich schon immer für Technik interessiert, hatte aber lange nicht die Möglichkeit, diese Leidenschaft auszuleben», sagt Nikolett Seben im Rückblick. Das Bachelorstudium absolvierte sie in Teilzeit, während sie parallel dazu ihren Lebensunterhalt verdiente. Im Juni 2026 legte sie ihre Bachelorarbeit vor, die nun mit dem Prix LITRA 2026 ausgezeichnet wurde.
Die Arbeit entstand bei BFH-Professor Roland Fischer. Fachliche Betreuer waren Sebastian Hirsiger und Matthias Grob von der SBB, welche das Thema ausgeschrieben hatte. Nikolett Seben kann sich vorstellen, später eine Masterarbeit in Bahntechnik in Angriff zu nehmen. Vorerst will sie aber bei ihrer aktuellen Arbeitgeberin, der Enotrac AG, weiterarbeiten. In dem Ingenieurbüro für Bahntechnik ist sie seit zwei Jahren im Bereich Fahrleitungen tätig. «Hier bin ich happy», sagt Nicolett Seben.