18. 06. 2026

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18. 06. 2026

«Il Treno d'Italia»: LITRA-Sessionsveranstaltung auf der Schiene der italienisch-schweizerischen Partnerschaft

Zum ersten Mal in ihrem 90-jährigen Bestehen führte die LITRA ihre Sessionsveranstaltung auf Italienisch durch. Ein bewusstes Zeichen für die enge Verbundenheit zwischen der Schweiz und ihrem südlichen Nachbarland. Im Mittelpunkt des Anlasses vom 18. Juni 2026 im Berner Bellevue Palace stand der bemerkenswerte Aufbruch des öffentlichen Verkehrs in Italien und dessen Bedeutung für die Schweiz. Als Ehrengäste nahmen Federica Santini, Präsidentin von Trenord und Chief Strategy and Traveler Experience Officer von Trenitalia, sowie Gian Lorenzo Cornado, Botschafter der Italienischen Republik in der Schweiz, teil. Philipp Mäder, Leiter Internationaler Personenverkehr bei den SBB, ergänzte die Diskussionsrunde.

Michael Bützer, Philipp Mäder (SBB), Federica Santini (Trenitalia), Botschafter S.E. Gian Lorenzo Cornado und Martin Candinas zelebrierten die italienisch-schweizerische Bahnpartnerschaft. © LITRA

«Wer von Ihnen war in den letzten Jahren in Italien in den Ferien?» – Mit dieser Frage eröffnete LITRA-Präsident Martin Candinas die Sessionsveranstaltung und brachte sogleich auf den Punkt, was die Beziehung zwischen der Schweiz und Italien ausmacht: Ein Viertel der Auslandreisen von Schweizerinnen und Schweizern führt nach Italien, fast 350’000 Italienerinnen und Italiener leben dauerhaft in der Schweiz. Diese Verflechtungen seien nicht nur das Ergebnis von Verträgen – sie seien menschlich, gewachsen und würden jeden Tag konkret gelebt.

Rund 90 Gäste aus Politik, Verwaltung und Verkehrsbranche folgten der ersten LITRA-Sessionsveranstaltung auf Italienisch im Bellevue Palace in Bern – unter anderem so viele Parlamentarierinnen und Parlamentarier wie noch nie. © LITRA

Zehn Jahre Gotthard-Basistunnel: was erreicht wurde und was noch fehlt

Passend zum Thema erinnerte Martin Candinas an ein besonderes Jubiläum: Vor zehn Jahren wurde der Gotthard-Basistunnel eröffnet. Für den LITRA-Präsidenten steht dieses Bauwerk beispielhaft für eine Verkehrspolitik, die langfristig denkt und mutig investiert. «Der Tunnel hat gehalten, was er versprochen hat. Dem Schienengüterverkehr hat er zu Beginn einen kräftigen Schub gegeben.»

Dass der Güterverkehr seither stagniere, liege weniger an der Schweiz als an den Zulaufstrecken im Norden, die noch immer nicht fertig ausgebaut seien – «eine unbequeme Wahrheit, die auch unsere heutigen Gäste aus Italien kennen», so Martin Candinas. «Unser gemeinsames Ziel muss sein, deutlich mehr Güter von der Strasse auf die Schiene zu bringen.»

Eindrücklich veranschaulichte der LITRA-Präsident dabei die Dimension des alpenquerenden Schwerverkehrs: Über den Brenner fahren jährlich rund 2,5 Millionen Lastwagen, über Ventimiglia 1,6 Millionen und am Gotthard rund 645'000 – also rund ein Viertel des Brenner-Aufkommens. Diese Zahl dürfe nicht als simple Umfahrung der Schweiz gedeutet werden, betonte Candinas, «sondern als Ergebnis unserer konsequenten Verlagerungspolitik» – mit der LSVA, der NEAT und dem Alpenschutzartikel.

Federica Santini, Präsidentin von Trenord und Chief Strategy and Traveler Experience Officer von Trenitalia, präsentierte den Aufbruch des öffentlichen Verkehrs in Italien und die strategische Ausrichtung von Trenitalia. © LITRA

Terzo Valico: gemeinsame Interessen über die Grenze hinaus

Grosses Potenzial sieht die LITRA im Terzo Valico dei Giovi – der Hochgeschwindigkeits- und Hochkapazitätslinie, die den Hafen Genua ab 2028 mit dem Eisenbahnknoten Mailand verbinden soll. Wenn dieser Korridor durchgehend leistungsfähig ist, kann die Schiene einen bedeutenden Anteil des Güterverkehrs von Süden nach Norden übernehmen, der heute noch auf der Strasse rollt. «Das ist der wirtschaftliche Kern des Projekts und der Hauptgrund, warum die Schweiz ein vitales Interesse an seiner raschen Fertigstellung hat», erklärte Martin Candinas.

Doch gute Infrastrukturen allein genügen nicht – entscheidend ist, dass die Schweiz ihre Verlagerungspolitik auch finanziell kohärent absichert. Dazu gehört insbesondere die leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe LSVA, die mit Blick auf die zunehmende Elektrifizierung des Lastwagenverkehrs weiterentwickelt wird.

Vor zwei Wochen hat der Ständerat nach dem Nationalrat entschieden, auch Elektro-Lastwagen in das Abgabesystem zu integrieren. Grosszügige Übergangsrabatte sollen die Elektrifizierung nicht bremsen. «Allerdings könnten dem BIF dadurch bis zu 800 Millionen Franken weniger zufliessen. Das ist eine Zahl, die wir nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen», zeigte sich der LITRA-Präsident besorgt. «Für genügend Mittel vor allem für den Unterhalt, aber auch für den Ausbau unserer Verkehrsinfrastrukturen werden wir uns mit Nachdruck einsetzen.»

Mit Blick auf Verkehr’45 sei klar: Die Schweiz müsse ihren Kurs langfristiger Investitionen fortsetzen.

Federica Santini (Trenitalia) und Philipp Mäder (SBB) diskutierten mit Moderator Michael Bützer (LITRA) über die Zukunft des internationalen Bahnverkehrs. © LITRA

Trenitalia: italienischer Aufbruch mit europäischer Dimension

Im Zentrum des Anlasses stand anschliessend der Blick nach Italien. Federica Santini, Präsidentin von Trenord und Chief Strategy and Traveler Experience Officer von Trenitalia, gab spannenden Einblicke in die Entwicklung des öffentlichen Verkehrs in Italien und in die strategische Ausrichtung von Trenitalia.

Italien investiert in die Modernisierung des Bahnangebots, in neue Züge, in die internationale Expansion und in eine bessere Reiseerfahrung für die Kundinnen und Kunden. Trenitalia befördert jährlich rund 570 Millionen Fahrgäste im Inland und rund 230 Millionen im Ausland – über Tochterunternehmen in Spanien, Frankreich, Deutschland, Grossbritannien und Griechenland. Der Investitionsplan 2025 bis 2029 umfasst rund 100 Milliarden Euro – eine historische Dimension.

Im anschliessenden Podiumsgespräch zwischen Federica Santini und Philipp Mäder, Leiter Internationaler Personenverkehr bei den SBB, wurde dann deutlich, dass der internationale Personenverkehr vor ähnlichen Herausforderungen steht wie der Güterverkehr: Die Infrastruktur muss leistungsfähig sein, die Zusammenarbeit zwischen den Bahnen verlässlich funktionieren, und die Kundinnen und Kunden erwarten ein einfaches, durchgängiges Reiseerlebnis.

Dabei stellte sich auch eine grundsätzliche Frage: Sieht Trenitalia die SBB künftig als Kooperationspartnerin – oder auch als Konkurrentin auf denselben Strecken? Die Diskussion machte deutlich, dass beides zutrifft: Zusammenarbeit dort, wo gemeinsame Interessen bestehen; Wettbewerb dort, wo er den Kundinnen und Kunden nützt.

Wer heute von Zürich nach Rom reist, trifft noch immer auf verschiedene Buchungsplattformen, Ticketsysteme und Informationskanäle. Die Vision ist klar: Reisen über Landesgrenzen hinweg soll künftig einfacher, transparenter und verlässlicher werden – ein Ticket, eine App, ohne sich Gedanken machen zu müssen, welche Bahn welchen Abschnitt betreibt.

LITRA-Präsident Martin Candinas im Gespräch mit dem abtretenden Botschafter der Italienischen Republik in der Schweiz, S.E. Gian Lorenzo Cornado. © LITRA

Botschafter Cornado: Acht Jahre Brückenbauer zwischen Bern und Rom

Den Abschluss der Veranstaltung bildete ein besonderer Moment: LITRA-Präsident Martin Candinas führte ein kurzes Gespräch mit dem Botschafter der Italienischen Republik in der Schweiz, Gian Lorenzo Cornado, der nach acht Jahren und zwei Mandaten in Bern seinen Posten abgibt. Gian Lorenzo Cornado habe die Planung des heutigen Anlasses von Beginn weg unterstützt und mitgeprägt. «Dass wir heute zum ersten Mal eine LITRA-Sessionsveranstaltung auf Italienisch durchführen, ist auch Ihrem persönlichen Engagement zu verdanken», sagte Martin Candinas an den Botschafter gerichtet.

Im Gespräch blickte der abtretende Botschafter auf die bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien im Bereich Verkehr und Mobilität zurück. Dabei standen insbesondere die Zusammenarbeit zwischen Bern und Rom, die Bedeutung des Terzo Valico und die Zukunft des gemeinsamen Bahnraums im Zentrum.

Denn eins machte die LITRA-Sessionsveranstaltung deutlich: Der öffentliche Verkehr in Italien und der Schweiz ist längst kein nationales Thema mehr, sondern ein europäisches. Und auf beiden Seiten der Alpen ist der Wille vorhanden, gemeinsam voranzukommen. Die grossen Fragen der Infrastruktur, der Verlagerung, der Finanzierung und der Kundenfreundlichkeit lassen sich nur gemeinsam beantworten. Italien ist in Bewegung und für die Schweiz eröffnet dieser Aufbruch grosse Chancen.